Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Ein schwaches Russland wäre kein Happy End. Es wäre der Beginn eines neuen Albtraums.
Russland geht der Treibstoff aus. Als würde der Sahara der Sand ausgehen. Oder Grönland das Eis.
Vier Jahre lang starben Hunderttausende russische Soldaten an der Front. Das schien viele erstaunlich wenig zu bewegen. Nun fehlt der Sprit. Schlangen vor Tankstellen. Tränenreiche Kommentare vor Fernsehkameras. Hektische Sitzungen in Moskau.
Für viele Russen war das Sterben abstrakt. Der leere Tank ist konkret.
Im Westen wird jede schlechte Meldung aus Russland mit sichtbarer Genugtuung aufgenommen. Raffinerien brennen. Die Krim gerät unter Druck. Ukrainische Drohnen erreichen Moskau und St. Petersburg. Selbst Putins prestigeträchtiges Wirtschaftsforum wird gestört. Das russische Kernland wirkt plötzlich verwundbar.
Wir sollten uns nicht zu früh freuen. Genau jetzt wird es für Europa gefährlich. Der Westen hat jahrzehntelang gelernt, vor einem starken Russland Angst zu haben. Vielleicht muss er bald lernen, ein schwaches Russland zu fürchten. Denn Russland ist weit weniger stabil, als die Landkarte vermuten lässt.
Ein starkes Russland ist berechenbar. Ein zerfallendes ist es nicht.
Wir sprechen ständig von „den Russen“. Dabei gibt es Russland als ethnisch einheitlichen Nationalstaat eigentlich gar nicht. Russland ist ein Imperium. Tataren. Baschkiren. Jakuten. Burjaten. Kalmücken. Tschetschenen. Dutzende Völker. Dutzende Republiken. Zusammengehalten von Moskau. Mit Geld, solange genug davon da ist. Mit Gewalt, wenn das Geld nicht mehr reicht.
Russland nennt sich Föderation. Viele seiner Republiken würden ein anderes Wort wählen.
Imperien sterben selten an ihren Feinden. Meist sterben sie an ihren Fliehkräften. Zum dritten Mal könnte der Zusammenhalt Russlands gefährdet sein. Die Geschichte Russlands kennt keine geordneten Abstiege – 1917 verschwand das Zarenreich, 1991 die Sowjetunion. Beide Male begann es mit einer politischen Krise. Und endete mit einer neuen Landkarte.
Was passiert, wenn Moskau seine Peripherie bald nicht mehr beherrschen kann? Wenn die Armee in der Ukraine gebunden ist, die Öleinnahmen weiter schrumpfen, der Staatsfonds leer ist und sich Loyalität nicht mehr kaufen lässt? Dann wittern vielleicht manche Republiken ihre Chance – den Weg aus jahrhundertelanger Unterordnung: Moskau ist nicht mehr allmächtig. Und genau in diesem Moment beginnen Imperien zu zerfallen.
Wer glaubt, das sei eine gute Nachricht, denkt zu kurz. Ein russischer Bürgerkrieg. Millionen Flüchtlinge. Unterbrochene Öl- und Gaslieferungen. Unklare Kontrolle über Nuklearwaffen. Ein Machtvakuum mitten in Eurasien.
Das ist kein europäischer Traum. Das ist ein geopolitischer Albtraum. Wer das für einen Sieg hält, verwechselt das Ende eines Krieges mit dem Anfang des nächsten.
Und dann ist da noch China. Peking verfolgt diesen Krieg mit bemerkenswerter Gelassenheit. Nennt Russland seinen „grenzenlosen Freund“. Großmächte haben allerdings keine Freunde. Nur Interessen. Interessen kennen keine Sentimentalitäten. China braucht kein starkes Russland. Ein schwaches Russland käme Peking gelegen.
Vielleicht endet der Krieg nicht mit einem russischen Sieg. Und auch nicht mit einer russischen Niederlage. Sondern mit einem Russland, das niemand mehr kontrollieren kann.
Europa hat gelernt, mit einem aggressiven Russland zu leben. Mit einem zerfallenden Russland hat niemand Erfahrung.
Vielleicht endet dieser Krieg nicht mit einem Friedensvertrag. Sondern mit einer Landkarte, die niemand mehr wiedererkennt.
Man sollte vorsichtig sein mit Wünschen.
Schlimmer geht immer.






