Kommentar des Chefredakteurs: Auf der Business-Plattform LinkedIn häufen sich in letzter Zeit oft skurrile Geschichten über vermeintliche Leadership-Learnings. Auffällig ist: Diese Stories sind austauschbar. Und von Leadership lernt man auch nix. Zumindest sind sie mitunter unterhaltsam.
Sie kennen es sicher, wenn Sie sich durch LinkedIn scrollen. Neben brauchbaren Neuigkeiten, Analysen und Fachkommentaren macht sich auf der Plattform eine Textgattung breit, die aus jedem beliebigen Alltagsereignis eine Leadership-Weisheit ableitet. Mit einem Schreibstil, der an Instagram oder Facebook erinnert, Sie wissen eh, diese Sprüche-Seiten oder Clickbaiting-Pages, die über hunderte Unterseiten lang eine banale Geschichte erzählen wollen und am Ende einen mit Werbung belästigen.
Diese lesen sich dann in etwa so: Als ich heute früh den Mist hinuntergebracht habe, wurde mir klar, dass Leadership bedeutet, Ballast loszulassen. Als ich danach den Geschirrspüler ausgeräumt habe, wurde mir bewusst, dass erfolgreiche Teams nur funktionieren, wenn jedes Teil seinen Platz kennt. Als ich an der Bushaltestelle stand, wusste ich, wie wichtig Fahrpläne im Leadership sind, weil sonst landet man im Nirgendwo.
Beim Zähneputzen erkannte ich schließlich, dass nachhaltiger Erfolg tägliche Routine braucht. Als ich auf der Toilette saß, wusste ich endgültig: Echte Führung bedeutet manchmal auch, einfach laufen zu lassen. Oder während mich eine Gelse am Einschlafen hinderte, wurde mir klar, dass erfolgreiche Führung bedeutet, Störfaktoren frühzeitig zu erkennen. Der Gelsenstecker ist dabei nichts anderes als strategisches Risikomanagement. Allesamt garniert mit Hashtags wie #mindset #growth #business #leadership oder #wasweißichwas. Mit vielen Raketen-Emojies. Let that sink in!
Meistens mit extrem vielen Likes und Kommentaren von häufig unbekannten Menschen, die die Tiefsinnigkeit dieser Zeilen loben. Mit Meldungen wie „so wahr“, oder „das hat mich tief berührt“, „endlich jemand, der seine Gefühle offen ausspricht“. Das spannende daran: Die Alltagssituation ist immer austauschbar, Hauptsache man dreht die Story in die Richtung, dass man irgendwas über Führungsqualitäten gelernt hat. Ob man im Stau sitzt, etwas kocht, im Sofa versinkt, whatever. Die Formel zur Business-Epiphanie ist einfach: Alltag mal Pathos plus Leadership, schon hat man einen „authentischen“ LinkedIn-Post. Und Likes!
Es passiert auch, dass man Direct Messages auf LinkedIn bekommt von einem LinkedIn-Coach, der verspricht, die Reichweite zu boosten. Und auch irgendwas über Performance, Sichtbarkeit oder Personal Branding redet und wenn man in seine Gruppe kommt, dann bekommt man zahllose Likes und Kommentare. Gegen bare Münze versteht sich. Dennoch: Bei diesen Stories wird Business allenfalls als Schlagwort verwendet. Eine konkrete Performance, eine tatsächliche Leistung, wie hart die Plackerei war, kann man aus diesen Zeilen äußerst selten herausdestillieren. Dafür den richtigen #approach!
Nur gehen leider in der Flut der Leadership-Befindlichkeitsprosa tatsächliche Business Cases verloren, auch konkrete Leistungen von Menschen geraten gerne in den Hintergrund, noch mehr, dass der Weg dorthin mitunter steinig war und Blut, Schweiß und Tränen kosteten. Aber immerhin: Man kann diesen Stories den Unterhaltungsfaktor nicht absprechen. Vielleicht ist das am Ende der eigentliche Unterschied. Wer wirklich etwas geleistet hat, muss aus dem Weg zur Mülltonne keine Leadership-Lektion machen. Die Leistung spricht meistens laut genug.






