Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Beim NATO-Gipfel in Ankara wurde Einigkeit inszeniert. Tatsächlich kauft Europa vor allem Zeit – für eine Verteidigung ohne amerikanische Garantie.
„Love is in the Air.” So klang es jedenfalls beim NATO-Gipfel in Ankara. Alle versicherten einander ihre Freundschaft, ihre Geschlossenheit und ihre unverbrüchliche Bündnistreue. Man lächelte, nickte, sprach von Einheit und tat so, als sei die transatlantische Welt noch dieselbe wie früher.
Dass ich nicht lache.
In Wahrheit ging es in Ankara vor allem darum, den Gipfel unfallfrei über die Bühne zu bringen. Keine großen Konflikte. Keine offenen Brüche. Keine Bilder, die Putin in Moskau einrahmen lassen kann. Also redet man über Liebe. Und verschiebt die Scheidungsgespräche.
Das ist nicht dumm. Es ist sogar vernünftig. Diplomatie besteht manchmal darin, so lange freundlich zu lächeln, bis man stark genug ist, die Wahrheit auszusprechen.
Und die Wahrheit lautet: Die USA sind kein verlässlicher Garant europäischer Sicherheit mehr.
Donald Trump wechselt seine außenpolitischen Positionen mit der Verlässlichkeit eines Wetterhahns im Sturm. Heute ist die NATO großartig. Morgen ist sie zu teuer. Übermorgen hängt die Beistandsgarantie davon ab, ob ihm der Gesprächspartner gefällt. Wer darauf Europas Sicherheit baut, kann auch gleich seine Brandschutzversicherung beim Pyromanen abschließen.
Aber das Problem ist größer als Trump. Auch ein Nachfolger wird die alte Welt nicht einfach zurückbringen. Washington richtet den Blick längst nach China – und Europa wird innenpolitischen Stimmungswechseln in den USA ausgeliefert bleiben. Amerikanischer Schutz war nie kostenlos. Nur die Rechnung kam früher diskreter.
Vielleicht ist das gar nicht schlecht. Europa hat sich viel zu lange an eine bequeme Sicherheitsordnung gewöhnt. Die Amerikaner lieferten Schutz, Abschreckung, Technologie und Führung. Europa lieferte Erklärungen, Gipfelkommuniqués und Haushaltsdebatten. Das war angenehm. Aber es war auch entmündigend. Wer seine Sicherheit auslagert, lagert irgendwann auch seine Souveränität aus.
Europa braucht vor allem eines: Zeit. Zeit, um Munition zu produzieren. Zeit, um Luftverteidigung aufzubauen. Zeit, um eigene Drohnen, Raketen, Satelliten, Cyberfähigkeiten und Führungssysteme zu entwickeln. Zeit, um endlich zu begreifen, dass Verteidigung kein amerikanischer Kundendienst ist.
Die Ironie ist groß. Donald Trump wollte volle Auftragsbücher für amerikanische Rüstungskonzerne. Vielleicht bekommt er am Ende das Gegenteil: eine europäische Rüstungsindustrie, die nicht mehr alles in den USA bestellt, sondern selbst baut.
Genau deshalb ist die angekündigte Patriot-Lizenz so interessant. Wenn Europa und die Ukraine amerikanische Systeme nicht mehr nur kaufen, sondern zentrale Komponenten selbst produzieren können, verändert sich die Logik. Dann sind die USA nicht mehr alleiniger Lieferant. Dann wird aus Abhängigkeit allmählich Fähigkeit.
Das klingt technisch. Ist aber Souveränität. Denn wer seine Raketen nicht selbst bauen kann, muss im Ernstfall bitten. Und wer bitten muss, ist nicht souverän.
Noch wichtiger ist die Ukraine. Die Ukraine gehört in dieses neue europäische Verteidigungsdenken nicht als Bittstellerin, sondern als Mitgestalterin. Sie ist ein europäisches Land. Und sie ist heute das Land mit der größten praktischen Kriegserfahrung auf dem Kontinent. Niemand in Europa versteht moderne Drohnenkriegsführung besser. Niemand kennt russische Taktik, Logistik, Propaganda und Eskalationsmuster genauer. Niemand hat in den vergangenen Jahren brutaler gelernt, was funktioniert und was nur in PowerPoint-Präsentationen gut aussieht.
Die neue Sicherheitsordnung muss europäischer werden. Nicht gegen Amerika. Aber ohne die Illusion, dass Amerika immer da sein wird.
Europa muss sich gegen Russland verteidigen können. Gegen China behaupten können. Und gegenüber den USA selbstbewusst auftreten können.
Das klingt für manche noch immer wie Häresie. Dabei ist es schlicht Erwachsenwerden.
In Ankara wurde viel von Einigkeit gesprochen. Die eigentliche Botschaft war eine andere: Europa muss lernen, sich selbst zu verteidigen. Und zwar schneller, als vielen lieb ist.
Love is in the Air?
Mag sein. Aber sicher ist sicher.






