Notenbank setzt auf Beobachtung – steigende Energiepreise erhöhen Unsicherheit im Euroraum. Für die Immobilienbranche kam das nicht unerwartet.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen trotz gestiegener Inflationsrisiken unverändert belassen. Der Einlagenzins liegt weiterhin bei 2,00 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,15 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent. Die Entscheidung erfolgt vor dem Hintergrund wachsender Unsicherheiten durch geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise. Als wesentlicher Risikofaktor gilt der Krieg im Nahen Osten, der zu einem deutlichen Anstieg der Energiepreise geführt hat. Diese Entwicklung wirkt sich sowohl auf die Inflation als auch auf das wirtschaftliche Umfeld im Euroraum aus.
Marktbeobachter erwarten trotz der aktuellen Zinspause mögliche Anhebungen im weiteren Jahresverlauf. Felix Schindler,Head of Research & Strategy beion HIH Invest, erklärte: „Die EZB sieht in ihrer heutigen Sitzung erwartungsgemäß von einer Leitzinserhöhung ab. Die Gemengelage im Nahen Osten bleibt weiterhin komplex und damit bleibt auch unklar, wie lange die Straße von Hormus für den internationalen Handel blockiert sein wird und von welchem Ausmaß und von welcher zeitlichen Dauer die Auswirkungen für die Weltwirtschaft und Preisentwicklungen sein werden.“
Zugleich verweist er auf steigende Erwartungen: „Allerdings sind die Inflationserwartungen der Konsumenten bereits angestiegen. Diese Indikatoren wird die EZB weiterhin eng im Blick behalten und ihre Strategie eines datenbasierten Handelns fortsetzen.“ Bei anhaltender Krise seien weitere Schritte wahrscheinlich: „Gerade bei einer länger anhaltenden Blockade der Straße von Hormus dürfte die EZB im weiteren Jahresverlauf die Leitzinsen anheben.“
Auch Steffen Sebastian vom IREBS Institut für Immobilienwirtschaft sieht steigende Risiken: „Aktuell befinden wir uns in einer Übergangsphase: weg von einem Slowflation-Umfeld mit schwachem Wachstum bei gleichzeitig langsam sinkender Inflation, hin zu einer Phase mit hohem Stagflationsrisiko.“ Die abwartende Haltung der EZB sei dennoch nachvollziehbar, da zusätzliche Daten für geldpolitische Entscheidungen notwendig seien.
Francesco Fedele, CEO von BF.direkt AG, betonte die Markterwartungen: „Je länger der Irankrieg dauert, desto wahrscheinlicher werden Leitzinserhöhungen.“ Selbst ohne unmittelbare Zinsschritte bleibe der Druck hoch, da Kapitalmärkte steigende Inflation bereits einpreisten. Auch aus Sicht der Bankenbranche ist die Zinspause nur temporär. Stefan Hoenen von der Hamburg Commercial Bank erklärte: „Die EZB erkauft sich damit Zeit in einem Umfeld geopolitisch getriebener Inflationsrisiken.“ Für die Immobilienbranche bedeute dies eine kurzfristige Atempause, jedoch keine nachhaltige Entlastung.
Aus Sicht der Bankenbranche ist die Zinspause nur temporär. Stefan Hoenen, Head of Commercial Real Estate bei der Hamburg Commercial Bank: „Die EZB erkauft sich damit Zeit in einem Umfeld geopolitisch getriebener Inflationsrisiken.“ Für die Immobilienbranche bedeute dies eine kurzfristige Atempause, diese ist jedoch nachhaltig. Hoenen: „Gleichzeitig ist die Entlastung trügerisch, denn der Druck auf Preis- und Renditeerwartungen bleibt hoch, solange Energiepreise und Inflationserwartungen durch den Irankrieg nach oben ziehen. Investoren und Projektentwickler müssen sich darauf einstellen, dass diese Zinspause weniger ein Signal der Entwarnung als vielmehr ein Innehalten vor möglichen Straffungen im Sommer ist. Entsprechend verhalten dürfte die Marktaktivität bleiben – Stabilisierung ja, neue Dynamik eher nicht.“
Ulrich Creydt, Steuerberater und Geschäftsführer von Ypsilon Steuerberatungsgesellschaft, zeigte sich überrascht: „Viele Indikatoren haben darauf hingedeutet, dass der Zins steigen könnte.“ Die Entscheidung könne als Signal interpretiert werden, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der geopolitischen Krisen derzeit noch begrenzt eingeschätzt würden. „Mit diesem Signal will die EZB vielleicht zeigen, dass die geopolitischen Krisen, allen voran der Irankrieg, (noch) keine gravierenden wirtschaftlichen und konjunkturellen Auswirkungen in Europa haben, will also ein Zeichen der Zuversicht senden. Gleichzeitig bleibt aber die Unsicherheit vor einer Zinserhöhung zum nächsten Stichtag Anfang Juni hoch. Wer ein gutes Finanzierungsangebot von seiner Bank erhalten hat, sollte jetzt zuschlagen.“
Edward Hutchings, Head of Rates bei Aviva Investors erklärte: „Die Entscheidung, die Zinsen bei 2,00 Prozent zu belassen, war erwartet worden. Mit Blick auf die nächste Sitzung bleibt die Unsicherheit jedoch hoch.“ Steigende Inflationserwartungen könnten bald zu Zinserhöhungen führen: „Eine Anhebung um 0,25 Prozent oder mehr dürfte sehr wahrscheinlich werden.“
Zusätzlich verweist Simon Dangoor, Deputy Chief Investment Officer of Fixed Income und Head of Fixed Income Macro Strategies, von Goldman Sachs Asset Management auf die Balance zwischen Inflation und Wachstum: „Die Hinweise der EZB auf Abwärtsrisiken für das Wachstum deuten darauf hin, dass kurzfristige Inflationsanstiege teilweise toleriert werden könnten.“ Gleichzeitig warnt er: „Eine länger anhaltende Schließung der Straße von Hormus oder eine erneute Eskalation würde den EZB-Rat voraussichtlich zu einem restriktiveren Kurs bewegen.“






