Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Zumindest aus den Schlagzeilen.
Vor wenigen Jahren schien das Ende der Welt unmittelbar bevorzustehen. Greta Thunberg war allgegenwärtig. Schüler streikten weltweit für das Klima. Politiker überboten sich mit immer neuen Klimazielen. Die Europäische Union beschloss den Green Deal. ESG und Klimataxonomie beschäftigten die Immobilienbranche. Selbst die Europäische Zentralbank erklärte den Klimaschutz zu einem geldpolitischen Thema. Kaum ein Tag verging ohne Warnungen vor Kipppunkten, Extremwetter oder einer drohenden Klimakatastrophe.
Und heute? Fast nichts mehr. Die Apokalypse scheint ihren Pressesprecher verloren zu haben.
Natürlich ist der Klimawandel nicht verschwunden. Die Temperaturen steigen weiter. Die wissenschaftlichen Modelle gelten unverändert. Auch die politischen Ziele gelten noch. Aber verglichen mit der medialen Dominanz der Jahre 2019 bis 2022 wirkt das Thema beinahe verschwunden. Man könnte fast glauben, das Klima habe sich entschlossen, zum Temperaturniveau von 1850 zurückzukehren.
Verschwunden ist etwas anderes: Die Aufmerksamkeit. Greta ist weg. Die Schlagzeilen sind weg. Die politische Dringlichkeit ist weg. Der Klimawandel hat sich nicht verändert. Unsere Aufmerksamkeit hat sich verändert. Die Weltuntergangsuhr läuft offenbar nicht mehr zur besten Sendezeit.
Vielleicht sagt das mehr über unsere Gesellschaft aus als jede Klimastudie. Denn die öffentliche Aufmerksamkeit folgt selten der Bedeutung eines Problems. Sie folgt der Neuigkeit eines Problems. Sobald ein Thema neu ist, beherrscht es die Titelseiten. Sobald es bekannt ist, verliert es seinen Reiz. Dann kommt das nächste. Migration. Corona. Ukraine. Inflation. Donald Trump. Künstliche Intelligenz. Nahost.
Themen verschwinden oft nicht dann, wenn sie gelöst sind. Sondern wenn sie langweilig werden.
Jedes dieser Themen wurde zeitweise als die alles entscheidende Frage unserer Epoche dargestellt. Und jedes verschwand wieder aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht weil das Problem gelöst worden wäre. Sondern weil die Aufmerksamkeit weitergezogen ist. Wie ein Schwarm, der bereits das nächste Objekt der Erregung entdeckt hat.
Das sagt viel über unsere Zeit aus. Wir leben in einer Welt permanenter Erregung. Jedes Thema wird zur Schicksalsfrage erklärt. Jede Debatte zur letzten großen Auseinandersetzung unserer Epoche. Jeder politische Konflikt erscheint existenziell. Bis der nächste kommt.
Das bedeutet nicht, dass die Themen unwichtig sind. Im Gegenteil. Der Klimawandel ist heute vermutlich genauso relevant wie vor fünf Jahren. Der Krieg in der Ukraine ist genauso real wie vor drei Jahren. Die demografische Krise Europas verschwindet nicht, nur weil niemand darüber spricht.
Die Probleme bleiben. Nur die Schlagzeilen wechseln.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht jede politische Modeerscheinung für den Beginn einer neuen Epoche halten. Und nicht jede Schlagzeile für ein historisches Ereignis.
Die Probleme verändern sich oft langsamer als unsere Aufmerksamkeit. Und nichts altert schneller als der Weltuntergang von gestern.






