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Europa reguliert. Amerika baut.

von Thilo Hoffmann
22. Juni 2026
in Digitalisierung, Europa, Gastkommentar, International

Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Algorithmen sind wichtig. Noch wichtiger sind Strom, Rechenzentren und Hochleistungschips. Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert am Ende auch die künstliche Intelligenz.

Künstliche Intelligenz ist derzeit das Lieblingsthema von Politikern, Unternehmensberatern, Investoren und Journalisten. Doch die KI-Revolution lebt nicht von Visionen. Sie lebt von Strom. Jede Anfrage an ChatGPT, jede Bildgenerierung, jede automatisierte Analyse und jeder digitale Assistent verbrauchen Rechenleistung. Hinter jeder scheinbar mühelosen Antwort stehen Rechenzentren voller Hochleistungsprozessoren, die rund um die Uhr arbeiten, gekühlt werden müssen und Strommengen verschlingen, die früher eher mit Aluminiumhütten als mit Software verbunden wurden.

Europa diskutiert mit bemerkenswerter Leidenschaft über künstliche Intelligenz. Gleichzeitig stammt ein Großteil der Infrastruktur, auf der diese künstliche Intelligenz läuft, aus den Vereinigten Staaten. Microsoft, Amazon, Google, Meta und OpenAI kontrollieren heute wesentliche Teile der digitalen Wertschöpfungskette. Viele europäische Unternehmen speichern ihre Daten auf amerikanischen Plattformen, nutzen amerikanische Cloud-Dienste und greifen zunehmend auf amerikanische KI-Systeme zurück.Damit gewinnen sie Zugang zu den besten Technologien der Welt – es entsteht aber auch eine neue Form strategischer Abhängigkeit.

Amerikanische Technologiekonzerne haben einen Vorsprung aufgebaut, der inzwischen schwer einzuholen sein dürfte. Während Europa über die Regulierung künstlicher Intelligenz diskutiert, bauen die USA die Infrastruktur, auf der diese künstliche Intelligenz läuft. Die einen schreiben Regelwerke. Die anderen investieren hunderte Milliarden Dollar. 

Die Alternative liegt allerdings nicht in China. Die Huawei-Debatten sind noch nicht lange her. Die Vorstellung, Europa müsse sich zwischen amerikanischen und chinesischen Technologiegiganten entscheiden, ist ungefähr so attraktiv wie die Wahl zwischen Zahnschmerzen rechts oder links.

Daher lohnt sich eine einfache Frage: Wie souverän ist Europa eigentlich, wenn ein erheblicher Teil seiner digitalen Infrastruktur außerhalb Europas betrieben wird? Am Ende zählt, wer den Ausschalter besitzt.

Während die Öffentlichkeit vor allem über Software diskutiert, kämpfen Technologieunternehmen längst um Hochleistungschips, Netzanschlüsse und vor allem um Strom. Der eigentliche Rohstoff der KI heißt nicht Information. Er heißt Elektrizität.

Ein Rechenzentrum ist eine sehr teure Methode, Strom in digitale Dienstleistungen umzuwandeln. Deshalb hat längst ein globaler Wettbewerb um die attraktivsten Standorte begonnen. Früher suchten Unternehmen nach Ländern mit niedrigen Steuersätzen. Heute suchen Betreiber von Rechenzentren nach Ländern mit niedrigen Strompreisen. Wasserkraft in Skandinavien, Kernenergie in Frankreich, günstige Energie in Nordamerika – und in Deutschland tobt die Diskussion, ob die Stilllegung längst abgeschriebener Kernkraftwerke wirklich ein Standortvorteil war. Der Steuerberater wird durch den Energieexperten ersetzt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Österreich aus dem Rennen wäre. Politische Stabilität, leistungsfähige Netze und die Nähe zum Kunden bleiben erhebliche Standortvorteile. Gerade deshalb werden neben gigantischen Hyperscale-Anlagen zunehmend regionale und dezentrale Rechenzentren entstehen. 

Gleichzeitig treiben hunderte Milliarden Dollar an Investitionen die Nachfrage nach Chips und Hardware nach oben. Lieferzeiten steigen, Eintrittsbarrieren ebenfalls. Während viele Menschen künstliche Intelligenz für ein Softwaregeschäft halten, entwickelt sie sich zunehmend zu einem Infrastrukturgeschäft.

Europa wird diesen Vorsprung kurzfristig kaum aufholen. Es sollte jedoch darauf achten, nicht zum digitalen Mieter im eigenen Haus zu werden. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, welches Sprachmodell die besten Antworten liefert. Die entscheidende Frage lautet, wer die Rechenzentren betreibt, die Energie liefert und die Infrastruktur kontrolliert, auf der diese Antworten überhaupt erst entstehen können.

ChatGPT läuft nicht auf politischen Absichtserklärungen. Sondern auf Strom.

Tags: DigitalisierungEuropaKünstliche IntelligenzThilo Hoffmann
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