Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Der Iran gewann keine Schlacht. Er fand den Hebel.
Amerika kann fast alles bombardieren. Atomanlagen. Flugplätze. Kommandozentralen. Bunker tief unter Bergen. Wenn Washington Krieg führt, beginnt er gewöhnlich mit Satellitenbildern, Tarnkappenbombern und der Überzeugung, dass sich nahezu jedes Problem mit genügend Feuerkraft lösen lässt.
Der Plan schien denkbar amerikanisch: Zunächst bombardieren. Die iranische Führung enthaupten. Das Regime destabilisieren. Dann darauf vertrauen, dass die Geschichte den Rest erledigt.
Der Iran reagierte erstaunlich gelassen. Und tat zunächst etwas, das Großmächte besonders nervös macht: fast nichts.
Dann erinnerte sich Teheran an etwas, das auf jeder Landkarte seit Jahrhunderten eingezeichnet ist: die Straße von Hormus.
Plötzlich spielte die teuerste Armee der Welt nicht mehr gegen den Iran. Sondern gegen die Geografie. Man kann Bunker bombardieren. Eine Meerenge nicht. Geografie besitzt den unangenehmen Nachteil, dass sie sich nicht einschüchtern lässt. Sie steht nicht zur Wiederwahl.
Während Washington Milliarden in Tarnkappenbomber, Flugzeugträger und Präzisionsmunition investierte, setzte Teheran auf billige Drohnen, einfache Raketen und einen schmalen Wasserstreifen zwischen Oman und dem Iran.
Der Iran musste die Vereinigten Staaten nicht besiegen. Es genügte, die Weltwirtschaft nervös zu machen. Nicht die Raketen entschieden. Sondern der Ölpreis. Mit jedem Tanker, der ausblieb, mit jeder Ölpreissteigerung, mit jeder nervösen Reaktion der Märkte verlor amerikanische Feuerkraft ein Stück ihres politischen Wertes.
Amerika gewann den Luftraum. Der Iran gewann die Tankstelle. Der Krieg entschied sich nicht über Teheran. Sondern über den Ölpreis.
Je länger der Krieg dauerte, desto grotesker wurde das amerikanische Drehbuch. Erst sollte das Regime verschwinden. Dann sollte die iranische Zivilisation ausgelöscht werden. Dann waren die iranischen Unterhändler plötzlich professionelle Gesprächspartner. Wenig später wieder Abschaum. Die amerikanische Außenpolitik wirkte zeitweise wie ein Liveticker.
Wer montags die Vernichtung einer Zivilisation ankündigt und freitags auf Verhandlungen hofft, führt keinen Plan mehr aus. Er improvisiert.
Der Iran änderte seine Strategie kein einziges Mal. Washington wechselte seine Rhetorik im Dreitagesrhythmus. Schließlich fragte die Supermacht sogar per E-Mail ihre eigenen Soldaten nach „kreativen und unkonventionellen Ideen“. Wer im Krieg auf Crowdsourcing setzt, hat seinen Plan vermutlich verloren.
Irgendwann wirkte die Weltmacht nicht mehr überlegen. Sondern wie ein Regisseur, dessen Hauptdarsteller plötzlich das Drehbuch gewechselt hat.
Die Golfstaaten mussten erkennen, dass amerikanische Sicherheitsgarantien keine Vollkaskoversicherung sind. Während Washington bombardierte, machte Peking sich Notizen.
Der Krieg zeigte nicht die Grenzen amerikanischer Stärke. Sondern die Grenzen militärischer Überlegenheit. Früher gewann derjenige, der die stärkere Armee besaß. Heute genügt manchmal der stärkere Hebel. Die teuerste Armee der Welt traf auf den billigsten Hebel der Welt.
Archimedes hätte diesen Krieg vermutlich verstanden: „Gebt mir einen Hebel, und ich bewege die Welt.“
Der Iran hatte keinen Flugzeugträger. Er brauchte nur die richtige Meerenge.
Der Iran gewann keine Schlacht.
Er fand den Hebel.






