Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Staatskunst beginnt manchmal dort, wo der eigene Stolz endet.
Schleimen gehört zu den verachtetsten Disziplinen der Politik. Vielleicht zu Unrecht.
Israel und Iran seien wie zwei prügelnde Kinder, erklärte Donald Trump. Manchmal müsse eben „Daddy“ eingreifen. Mark Rutte nickte. „Daddy muss manchmal starke Worte benutzen“, sagte der NATO-Generalsekretär. Wenige Sekunden später grinste Trump in die Kameras. „I think he likes me.“
Transatlantische Gipfel wirken derzeit streckenweise wie eine Dauergeburtstagsfeier für den mächtigsten Elfjährigen der Welt. Alle bemühen sich, Donald Trump bei Laune zu halten. Nur dass die Geschenke keine Legosteine sind, sondern Milliarden an Verteidigungsausgaben.
Mark Rutte belässt es nicht dabei. Er übernimmt die Rolle des Zeremonienmeisters. Er schreibt Donald Trump Nachrichten, wie sie sonst nur frisch Verliebte kurz nach Mitternacht verschicken. Überschwänglich. Bewundernd. Im Weißen Haus verwandelt er höhere europäische Verteidigungsausgaben in eine persönliche Erfolgsgeschichte Donald Trumps – die „Trump Trillion“. Goldene Lettern. Große Zahlen. Große Gesten. Der Hauptdarsteller genießt den Applaus.
Es war eine Inszenierung, die selbst erfahrene Diplomaten vor Scham erröten ließ. Quer durch Europa verdrehte man die Augen. Es war peinlich. Es war kaum auszuhalten. Genau darin könnte Ruttes größte politische Leistung liegen.
Kaum ein Politiker dürfte in diesen Tagen einsamer gewesen sein als Mark Rutte. Wir bewundern Politiker gern, wenn sie dem Mächtigen die Stirn bieten. Das klingt nach Charakter. Nach Rückgrat. Nach Führungsstärke. Doch Geschichte verlangt zuweilen etwas anderes. Sie verlangt, dass jemand seinen Stolz opfert. Sich freiwillig zum Narren macht. Nicht aus Eitelkeit. Sondern aus Staatsräson.
Es gibt Politiker, die für ihre Überzeugungen sterben würden. Mark Rutte war offenbar bereit, für seine Überzeugung seine Eitelkeit sterben zu lassen.
Niemand hat diese Rolle geplant. Sie ergab sich einfach. Die Regierungschefs in Berlin, Paris, London oder Warschau kämpfen um Mehrheiten. Jeder öffentliche Kotau vor Donald Trump kostet Zustimmung. Mark Rutte dagegen muss keine Wahlen mehr gewinnen. Er kann sich erlauben, was anderen verwehrt ist. Genau das macht ihn zum Trump-Flüsterer des Westens.
Rutte weiß, dass Trump wenig für Bündnisse übrig hat. Er will Bewunderung. Also liefert Rutte sie. Diplomatie bestand früher darin, Konflikte zu entschärfen. Heute besteht sie manchmal darin, Eitelkeiten zu bewirtschaften. Denn das eigentliche Ziel liegt nicht in Washington, sondern in Europa.
Europa braucht vor allem eines: Zeit. Zeit, um seine Streitkräfte zu modernisieren. Zeit, um die Rüstungsindustrie auszubauen. Zeit, um sicherheitspolitisch erwachsen zu werden. Zeit, um sich aus einer Abhängigkeit zu lösen, die man sich jahrzehntelang bequem eingerichtet hat.
Bis dahin muss die NATO funktionieren. Oder zumindest diesen Eindruck vermitteln. Abschreckung lebt nicht nur von Panzern. Sie lebt vom Eindruck, dass sie eingesetzt werden.
Artikel 5 ist die stärkste Beistandsklausel der Welt. Aber kein Vertrag kann garantieren, dass seinem Versprechen im Ernstfall Taten folgen. Ob amerikanische Soldaten im Ernstfall tatsächlich für Europa kämpfen, entscheidet heute weniger der Vertragstext als der Mann im Weißen Haus.Die NATO fürchtet derzeit die Stimmung im Weißen Haus mehr als Raketen aus Russland.
Genau das ist die Realität, mit der ein NATO-Generalsekretär arbeiten muss. Sie ist demütigend. Vielleicht aber notwendig. Mark Rutte kauft Europa Zeit. Der Preis ist seine Würde.
Vielleicht erinnert sich die Geschichte irgendwann nur an ein peinliches Wort: „Daddy“. Vielleicht erkennt sie aber auch, dass genau dieser peinliche Ausdruck Europa ein paar entscheidende Jahre verschafft hat.
Dann sollte Mark Rutte nicht als Schleimer in Erinnerung bleiben. Sondern als einer der wenigen Politiker unserer Zeit, der bereit war, für seine Überzeugung nicht sein Leben zu opfern. Sondern seine Würde.
Nicht jede Form der Selbstaufgabe ist Schwäche. Manche ist Staatskunst.






