Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Früher war Kim Jong Un der Irre mit der Bombe. Jetzt startet er durch.
Früher konnte man sogar mit Russen über Nordkorea lachen. Ein bitterarmes Land, regiert von einem rundlichen Diktator mit bemerkenswertem Haarschnitt, der auf einem weißen Pferd durch verschneite Berge ritt. Generäle schrieben ehrfürchtig mit, wenn der Große Führer eine Kartoffelfabrik besichtigte. Das Volk hungerte, jubelte auf Kommando und glaubte an die Staatsideologie Juche. Für Atomraketen war trotzdem immer Geld da.
Inzwischen lacht niemand mehr. Little Rocket Man startet durch. Jahrzehntelang hortete er Granaten und Raketen und unterhielt eine gigantische Armee. Ökonomischer Wahnsinn. Bis Russland einen Krieg begann und Munition in industriellen Mengen verschoss. Plötzlich war Kims Irrsinn russischer Bedarf. Er wurde zum gefragten Geschäftspartner.
Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Vor allem für Kim. Putin bekam Granaten. Und Soldaten. Was Putin dafür genau bezahlte, wissen vor allem Geheimdienste. Sie berichten von Milliarden, Öl, Lebensmitteln und militärischer Technologie.
Aus der Zweckgemeinschaft wurde eine veritable Bromance. Kim nannte Putin seinen „liebsten Freund und Genossen“. Und beweinte seine gefallenen Soldaten im Staatsfernsehen. Die Männerfreundschaft wird schließlich mit Blut bezahlt.
Besonders hübsch ist das Geschäftsmodell mit den Soldaten. Russland soll für sie beträchtliche Summen bezahlen. Bei den Männern selbst dürfte davon wenig ankommen. Selbst beim Menschenexport bleibt Nordkorea Planwirtschaft: Der Staat kassiert. Und Kim bekommt noch etwas gratis dazu: einen Crashkurs in moderner Kriegsführung. Seine Soldaten lernen Drohnenkrieg, elektronische Kriegsführung und moderne Artillerie nicht im Manöver, sondern an einer echten Front. In Seoul dürfte man diesen Wissenstransfer mit begrenzter Begeisterung verfolgen.
Geld allein wäre für Kim ohnehin nur bedingt interessant. Wer unter Sanktionen steht, kann mit einem dicken Bankkonto wenig anfangen. Öl aber kann man verbrennen. Lebensmittel kann man essen. Und russische Raketen- und Satellitentechnik muss man nicht erst bei Amazon bestellen.
Und dann ist da noch Kim, der Baumeister. An der Küste entstand Wonsan-Kalma. Hotels. Promenaden. Freizeitangebote. Antalya mit Juche. Nur mit weniger Deutschen, mehr Russen und vermutlich viel Geheimdienst. Im Souvenirladen liegen zwischen Badehosen und Strandbällen aufblasbare Modelle nordkoreanischer Interkontinentalraketen. Auch ein Atomprogramm braucht Merchandising.
Auch Pjöngjang putzt sich heraus. Neue Wohnviertel, Freizeitparks, Einkaufszentren. In einem Luxus-Shoppingcenter tauchte sogar ein IKEA-Laden auf. IKEA wusste nur leider nichts davon. Selbst der Kapitalismus wird in Nordkorea staatlich angeordnet.
Natürlich ist Nordkorea deshalb nicht plötzlich Singapur. Es bleibt bitterarm und brutal. Aber Kim hat inzwischen etwas Wertvolleres als neue Hochhäuser: Er wird gebraucht. Putin braucht seine Munition und Soldaten.
China sieht es ungern, dass sein kleiner Nachbar mit Moskau fremdgeht. Peking braucht Nordkorea als Pufferstaat und möchte Putin nicht den Titel des besten Freundes überlassen.
Und nun meldet sich auch noch der Ex. Donald Trump, der Kim einst als „Little Rocket Man“ verspottete, hatte später nach einem Austausch „wunderschöner Briefe“ verkündet: „We fell in love.“ Nun lässt er gemeinsame Militärübungen mit Südkorea drastisch verkürzen und hofft schon auf ein baldiges Treffen.
Früher wollte niemand mit Little Rocket Man spielen. Heute streiten sich die Großmächte darum, wer sein bester Freund sein darf.
Kim musste sich dafür nicht einmal ändern. Der Personenkult. Die Jubelchöre. Die Raketen. Selbst der Haarschnitt hält eisern Kurs.
Es genügte, dass der Rest der Welt verrückter wurde.






