Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Was haben Lidl, Mistral, SAP und Franz Josef Strauß miteinander zu tun? Mehr, als man zunächst denken würde.
Europa hat ein erstaunliches Talent: Wir besitzen Weltklasseunternehmen – und kaufen die Zukunft trotzdem in Amerika. Bei künstlicher Intelligenz droht sich das zu wiederholen. Nvidia liefert die Chips, Microsoft, Amazon und Google die Cloud, OpenAI, Anthropic und Google die Modelle. Europa liefert den AI Act.
„I want the future of AI to be made in Europe”, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Ein schönes Ziel. Made in Europe wäre gut. Money made in Europe wäre besser.
Die Schwarz-Gruppe investiert gerade 5,6 Milliarden Euro in ein riesiges Rechenzentrum in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sollen die eigene Cloud STACKIT und künstliche Intelligenz wachsen. Prompt kommt Kritik: Was soll daran europäisch souverän sein, wenn dort amerikanische Nvidia-Chips rechnen? Und verdient das große Geld nicht ohnehin, wer Chips, Cloud und KI-Software verkauft – statt Hallen zu bauen und Stromrechnungen zu bezahlen?
Die Kritik trifft – und führt doch in die falsche Richtung. Ein Rechenzentrum allein macht noch keine europäische KI. Aber irgendwo muss sie schließlich rechnen. Die richtige Frage lautet: Was bauen wir darauf?
Die Ausgangslage ist besser als ihr Ruf. ASML, Zeiss und Trumpf liefern Schlüsseltechnologien für modernste Chips. Nokia und Ericsson bauen Netze. STACKIT, OVHcloud und Scaleway Cloud-Infrastruktur. SAP sitzt in den Maschinenräumen der Weltwirtschaft. Siemens, Bosch und Airbus verfügen über industrielles Wissen und Daten. Und mit Mistral hat Frankreich einen ernstzunehmenden KI-Anbieter geschaffen.
Europa hat die Teile. Amerika hat das System.
Dort kauft Microsoft bei Nvidia und finanziert OpenAI. OpenAI läuft auf Microsoft. Unternehmen kaufen Azure. Entwickler programmieren für Nvidia. Jeder verdient am Erfolg des anderen. Europas Weltklasseunternehmen kaufen dagegen amerikanische Technologie – und beklagen anschließend gemeinsam Europas technologische Abhängigkeit. Europa überweist erst das Geld nach Amerika und anschließend die Beschwerde nach Brüssel.
Vielleicht fehlt Europa also gar kein OpenAI. Vielleicht fehlt uns ein Airbus. Nicht als neuen Brüsseler Staatskonzern. Und bitte nicht mit 27 nationalen Quoten, 14 Arbeitsgruppen und einem Abschlussbericht über digitale Resilienz. Sondern pragmatisch. Mistral entwickelt Modelle. STACKIT, OVHcloud und Scaleway liefern Cloud und Compute. SAP bringt Unternehmenssoftware ein. Siemens, Bosch und Airbus industrielle Anwendungen. Europas Großunternehmen bringen Kapital, Daten und vor allem eines: Kunden.
Mistral darf französisch bleiben, SAP deutsch, ASML niederländisch und Ericsson schwedisch. Frankreich müsste sich lediglich mit dem revolutionären Gedanken anfreunden, dass ein europäischer Champion nicht zwingend ein französischer sein muss. Aber Airbus war schließlich auch keine Einkaufsgemeinschaft. Europa baute gemeinsam ein Produkt, das es mit Boeing aufnehmen konnte. Warum nicht noch einmal?
Auch bei der Technologie hilft Pragmatismus. Wenn Nvidia die besten Chips baut, kaufen wir Nvidia. Wenn ein amerikanisches KI-Modell überlegen ist, benutzen wir es. Europa muss nicht jede Schraube selbst herstellen. Aber bei keiner kritischen Technologie sollten wir darauf angewiesen sein, dass uns jemand anderes die Schraube auch morgen noch verkauft.
Souveränität ist nicht Autarkie. Souveränität ist Wahlfreiheit.
Das Schwarz-Rechenzentrum ist deshalb nicht die europäische Lösung. Mistral auch nicht. SAP nicht und ASML ebenso wenig. Aber alle zusammen vielleicht.
Franz Josef Strauß, einer der politischen Väter von Airbus, formulierte das 1972 weniger diplomatisch: „Wenn wir jetzt nichts machen, hat Europa nichts mehr zu melden.“
Mehr als fünfzig Jahre später geht es nicht mehr um Flugzeuge, sondern um künstliche Intelligenz.
Sonst hat sich erstaunlich wenig geändert.






