Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Vielleicht hat die Demokratie kein Politikerproblem. Sondern ein Bewerberproblem.
Noch vor wenigen Tagen wurde über Andreas Bablers 5.760 Euro für Mediencoaching gespottet. Inzwischen hat er seinen Rückzug angekündigt. Das Coaching war offenbar ausbaufähig. Friedrich Merz hat drei verheerende Landtagswahlen hinter sich. Mit seiner Arbeit als Bundeskanzler sind noch zehn Prozent der Deutschen zufrieden. Immerhin zweistellig. Und warum darf Philipp Amthor sich nicht selbst einen Strandkorb kaufen und auf seinen Bürobalkon stellen? Willkommen in der modernen Politik.
Die Unzufriedenheit mit der politischen Klasse ist zum Dauerzustand geworden. Ob Babler, Merz, Macron oder Starmer – die Gesichter wechseln. Der nächste soll es dann richten. Vielleicht stellen wir die falsche Frage. Nicht: Warum finden wir keine besseren Politiker? Sondern: Warum entscheiden sich viele der Fähigsten gegen die Politik?
Erwartet wird einiges. Politiker sollen Wachstum schaffen, Renten stabilisieren, Migration steuern, digitalisieren, geopolitische Krisen bewältigen, das Klima retten und nebenbei noch künstliche Intelligenz verstehen. Bis zur nächsten Wahl, versteht sich. Gleichzeitig war der Beruf vermutlich noch nie unattraktiver. Früher galt ein Ministeramt als Krönung einer Karriere. Heute bedeutet Politik oft weniger Geld, weniger Privatsphäre und die nahezu sichere Aussicht, von einem erheblichen Teil der Bevölkerung verachtet zu werden. Manche Themen sind vermint. Die politische Konkurrenz ist erbarmungslos. Jeder Versprecher wird archiviert. Jede Fehlentscheidung skandalisiert. Jede unbedachte Bemerkung binnen Minuten verbreitet. Selbst ein Strandkorb kann zum Politikum werden. Also werden Politiker trainiert. Wie sitzen, wie schauen, was sagen – und vor allem: was nicht. Hauptsache, am nächsten Morgen keine Schlagzeile. Bei Babler wurde das Training selbst zur Schlagzeile.
Wer will sich das noch antun? Wir wünschen uns Charakterköpfe. Akzeptiert werden allerdings nur Menschen ohne Schwächen, Irrtümer und Vergangenheit. Wir wollen Authentizität und beschäftigen Medienberater. Wir verlangen klare Worte und empören uns, sobald jemand welche findet. Wir suchen Staatsmänner und schaffen die Arbeitsbedingungen einer Dauer-Castingshow.
Dabei findet die entscheidende Auswahl früher statt. Demokratien wählen aus denen, die zur Wahl stehen. Aber wer ist überhaupt noch bereit, sich zur Wahl zu stellen? Wer gut verdient und frei über sein Leben entscheidet, braucht erheblichen Gemeinsinn – oder Eitelkeit –, um all das gegen Fraktionsdisziplin, Parteitage, permanente Öffentlichkeit und häufig erheblich weniger Geld einzutauschen. Karsten Wildberger etwa verzichtete beim Wechsel vom Ceconomy-Chefposten ins deutsche Digitalministerium auf mehr als 90 Prozent seines Gehalts. In Singapur hält man das für keine besonders kluge Personalpolitik. Dort orientieren sich Ministergehälter am Einkommen der 1.000 bestbezahlten Bürger – abzüglich 40 Prozent. Ein bisschen Opferbereitschaft muss schließlich sein.
Vielleicht hat die moderne Demokratie gar kein Politikerproblem. Vielleicht hat sie ein Bewerberproblem. Denn sie kann nur unter denen auswählen, die antreten. Und um überhaupt so weit zu kommen, braucht man neben Kompetenz noch andere Fähigkeiten: Geduld. Loyalität. Belastbarkeit – und ein gutes Gespür dafür, auf welcher Seite man gerade stehen sollte.
Politiker sollen Entscheidungen treffen. Nur nicht falsch. Risiken eingehen. Aber ohne Risiko. Reformen durchsetzen. Aber möglichst ohne Veränderung. Wir wünschen uns Führung. Entschlossenheit gilt als autoritär. Vorsicht als Führungsschwäche. Meinungsänderungen als Wankelmut. Konsequenz als Sturheit.
Und dann wundern wir uns über das Personal. Vielleicht bekommen wir tatsächlich die Politiker, die wir verdienen. Die unangenehmere Frage lautet: Verdienen wir bessere?






