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Russland ist nicht die Sowjetunion- der Mythos der Weltmacht

von Thilo Hoffmann
12. Mai 2026
in Europa, International
Russland tut so, als wäre es eine Weltmacht wie die Sowjetunion. Der Mythos ist aber am Ukraine-Krieg zerschellt. Foto: pixabay.com

Russland tut so, als wäre es eine Weltmacht wie die Sowjetunion. Der Mythos ist aber am Ukraine-Krieg zerschellt. Foto: pixabay.com

Gastkommentar: In politischen Debatten wird Russland noch immer wie eine Weltmacht behandelt. Als Akteur, den man einbinden oder fürchten muss. Diese Sicht stammt aus einer anderen Zeit.

Russland ist nicht die Sowjetunion. Die Sowjetunion war eine globale Supermacht – mit ideologischem Einfluss, militärischer Präsenz auf mehreren Kontinenten und einem dichten Netz an Verbündeten. Russland ist das nicht. Russland ist heute eine Mittelmacht – mit einem entscheidenden Unterschied: Es verfügt über ein enormes nukleares Arsenal.
Militärisch ist Russland gefährlich. Strategisch ist es begrenzt.

Gerade die Tage vor dem 9. Mai zeigen diese Begrenzung. Moskau bereitet seine wichtigste Machtinszenierung unter Bedingungen der Angst vor: mobiles Internet wird eingeschränkt, Flughäfen werden zeitweise geschlossen, die Parade wird reduziert, schwere Militärtechnik bleibt offenbar aus Sicherheitsgründen aus. Eine Weltmacht, die ihre eigene Siegesparade gegen Drohnen absichern muss, zeigt nicht Stärke, sondern Verwundbarkeit.

Was sich in Moskau zeigt, ist Folge des Ukrainekrieges. Seit Jahren führt Russland einen konventionellen Krieg gegen ein Nachbarland – mit enormem Einsatz an Menschen, Material und Ressourcen. Es erreicht nicht einmal seine eigenen Minimalziele. Eine Weltmacht, die an einem regionalen Krieg festläuft, ist keine Weltmacht. Am deutlichsten zeigt sich die Schwäche dort, wo Weltmächte stark sein müssten: bei ihren Verbündeten.

Syrien war Russlands Anker im Nahen Osten – bis zu Assads Sturz. In Venezuela blieb jede ernsthafte Unterstützung für Maduro aus. Auch im Iran-Konflikt zeigt sich diese Begrenzung – Russland ist ein enger Partner Teherans, spielt aber kaum eine Rolle. Keine militärische Präsenz. Keine Abschreckung. Keine sichtbare Einflussnahme. Wer seine Partner nicht stabilisieren kann, ist keine Weltmacht.

Russland droht regelmäßig – was dann folgenlos bleibt. Der NATO-Beitritt von Schweden und Finnland wurde in Moskau als rote Linie bezeichnet. Die Rhetorik war scharf, die Drohungen deutlich. Und dann: nichts. Keine Eskalation, keine Gegenmaßnahme, keine sichtbare Reaktion. Der Grund ist banal: Russland führt einen zermürbenden Krieg in der Ukraine. Darüber hinaus bleibt kaum noch Spielraum.

Hinter dem russischen Machtanspruch steht nur eine schmale ökonomische Basis. Als globale Wirtschaftsmacht bleibt Russland begrenzt – rohstoffgetrieben, technologisch abhängig. Es lebt von dem, was im Boden liegt – nicht von dem, was darauf entsteht. Diese Abhängigkeit macht die Wirtschaft verwundbar. Schwankungen bei den Energiepreisen schlagen unmittelbar auf Staatshaushalt und Preise durch. Diese Schwäche ist kein Schicksal. Sie ist das Ergebnis einer Entscheidung. Europa und Russland ergänzen sich strukturell – hier Industrie, Technologie und Kapital – dort Rohstoffe, Energie und Raum. Eine wirtschaftliche Kooperation hätte beiden Seiten genutzt.

Stattdessen setzt Moskau auf Konfrontation. Geheimdienstliche Operationen, Einflussnahme auf Wahlen, Sabotageakte, hybride Kriegsführung. Das zerstört Vertrauen – dauerhaft. Die Folge: Politisches Kapital schwindet. Wirtschaftliche Kooperation bleibt auf Jahre hinaus blockiert. Die Folgen sind sichtbar. Selbst Staaten im unmittelbaren Umfeld beginnen, sich zu lösen. Belarus sucht vorsichtig nach mehr Eigenständigkeit. Moldau orientiert sich Richtung EU. Staaten Zentralasiens wie Kasachstan agieren zunehmend eigenständig. Russland bleibt ein geografischer Faktor – aber es verliert an Anziehungskraft. Es wird still um Moskau.

Und auch innenpolitisch wächst ein Risiko. Je länger der Krieg dauert, desto sichtbarer wird seine Erfolglosigkeit. Kontrolle von Information kann das verzögern – aber nicht aufhalten. Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem inneren Zusammenhalt. In einem Vielvölkerstaat ist das keine theoretische Überlegung.
Das eigentliche Desaster dieses Krieges betrifft nicht nur die Ukraine. Es betrifft Russland selbst. Russland bleibt gefährlich. Nicht trotz seiner Schwäche – sondern wegen ihr.
Eine stabile Macht kalkuliert. Eine eingeengte Macht reagiert. Genau darin liegt das Risiko: Russland verfügt über Waffen, die zu seiner realen Macht nicht mehr passen. Je enger der strategische Spielraum wird, desto größer wird die Versuchung zur Eskalation.

Russland kann weiter eskalieren. Der Mythos der Weltmacht lebt weiter. Die Realität ist gefährlicher.

Tags: GastkommentarGeopolitikRusslandSowjetunionThilo Hoffmann
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