Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Europas Nachkriegsgeneration baute Wohlstand auf. Ihre Enkel verwalten Besitzstände. Andere Teile der Welt bauen derweil die Zukunft.
Über Jahrzehnte dominierte der Westen die Weltwirtschaft beinahe nach Belieben. Die G7-Staaten kontrollierten Industrie, Technologie, Finanzmärkte und Welthandel. Europa und die USA galten als wirtschaftliches Zentrum der Welt. Wer modern sein wollte, orientierte sich am Westen.
Heute verschiebt sich das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft sichtbar nach Asien. China wurde zur industriellen Supermacht. Indien wächst dynamisch. Neue Flughäfen, Hochgeschwindigkeitszüge, Technologiezentren und Industrien entstehen heute häufiger in Asien oder am Persischen Golf als in Europa.
Vor allem Westeuropa wirkt plötzlich alt.
Natürlich bleiben Europa und die USA reich, technologisch stark und politisch einflussreich. Noch immer bündelt der Westen enorme wissenschaftliche, finanzielle und industrielle Macht. Doch die Dynamik hat sich verschoben. Der Westen expandiert nicht mehr selbstverständlich. Er konzentriert sich zunehmend darauf, seinen Wohlstand zu bewahren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg besaß Europa selbst noch einen enormen Aufstiegswillen. Der Kontinent lag in Trümmern, aber die Menschen wollten bauen, arbeiten, investieren und ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Diese Generation schuf den Wohlstand des modernen Europas.
Viele ihrer Vertreter liegen heute unter der Erde. An ihre Stelle treten zunehmend saturierte Gesellschaften. Gesellschaften, die Risiken vermeiden, Konflikte regulieren und Besitzstände absichern wollen. Der Westen wirkt heute oft weniger wie eine Aufstiegsgesellschaft als wie eine Erbengemeinschaft.
Ein oft zitiertes Bonmot beschreibt den Zyklus vieler Wohlstandsgesellschaften so: Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt gänzlich.
Ganz so einfach ist die Welt natürlich nicht. Aber Europas Nachkriegsgeneration baute Fabriken, Straßen und Unternehmen. Ihre Enkel bauen Compliance-Abteilungen, Nachhaltigkeitsrichtlinien und Lieferkettendokumentationen.
Das zeigt sich an vielen Stellen gleichzeitig. Bürokratien wachsen immer weiter. Infrastrukturprojekte dauern oft Jahrzehnte. Regulierung wird zur politischen Ersatzhandlung. Risiko gilt zunehmend als Problem und nicht mehr als Voraussetzung von Fortschritt.
Aufstieg produziert Dynamik. Wohlstand produziert Vetogruppen. Viele westliche Demokratien wirken inzwischen reformunfähig. Selbst dringende Probleme werden oft jahrelang diskutiert, vertagt und verwaltet, weil jede größere Veränderung sofort organisierte Besitzstände bedroht.
Während große Teile Asiens und selbst Teile Osteuropas noch immer von enormem Aufstiegswillen geprägt sind, beschäftigt sich vor allem Westeuropa zunehmend mit der Verwaltung des Erreichten. Andere Regionen bauen Rechenzentren, Kraftwerke, Industrien. Europa baut Formulare.
Vielleicht beginnt der Niedergang großer Zivilisationen nicht mit militärischer Niederlage, sondern in dem Moment, in dem sie ihre Überlegenheit für selbstverständlich halten. Rom baute Straßen und Aquädukte. Spätrom verwaltete Privilegien.
Autoritäre Systeme sind deshalb nicht automatisch überlegen. Demokratie, Rechtsstaat und individuelle Freiheit bleiben enorme Stärken westlicher Gesellschaften. Gerade offene Gesellschaften besitzen historisch eine enorme Innovationskraft. Doch auch freie Gesellschaften können träge werden. Vielleicht ist genau das die eigentliche Gefahr für Europa und Teile des Westens: nicht der äußere Gegner, sondern die eigene Saturiertheit.
Der Westen wird nicht plötzlich verschwinden. Er lebt noch immer gut.
Aber vielleicht lebt er inzwischen zu sehr vom Gestern.






