Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Künstliche Intelligenz und Roboter könnten uns eines Tages von der Arbeit befreien. Eine wunderbare Aussicht. Vorausgesetzt, wir können uns das Nichtstun leisten.
Die Zukunft klingt verlockend. Maschinen erledigen unsere Arbeit, die KI denkt für uns, Roboter bauen Häuser, operieren Patienten und bringen den Müll raus. Wir reisen, golfen und führen philosophische Gespräche. Das Paradies auf Erden. Schon 1930 stellte Keynes seinen Enkeln die 15-Stunden-Woche in Aussicht. Die Enkel warten noch. Und nun ist da noch eine Kleinigkeit ungeklärt: Wer bezahlt das alles?
Bisher war der Plan einfach: Wer mehr verdienen wollte, studierte. Wer viel verdienen wollte, wurde Anwalt, Arzt oder Unternehmensberater. Ausgerechnet diesen Berufen könnte nun die Arbeit ausgehen. Die KI schreibt Verträge, stellt Diagnosen und entwirft Strategien. Wobei für manche Folien mit Pfeilen in der Beratung auch bisher nicht viel Intelligenz nötig war. Die KI ist nur schneller, billiger und hat keinen Urlaubsanspruch. Der Anwalt der Zukunft braucht keinen Parkplatz. Und keine Weihnachtsfeier.
Nicht alle Berufe verschwinden. Wer von persönlichen Beziehungen lebt, ist schwerer zu ersetzen, denn Vertrauen lässt sich nicht so leicht automatisieren. Vielleicht verdient der freundliche Autoverkäufer dereinst mehr als der Ingenieur, der das Auto entwickelt hat. Falls es den noch gibt.
Die Ökonomen warnen schon länger. Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds sind weltweit rund 40 Prozent der Arbeitsplätze von KI betroffen, in den Industrieländern sogar bis zu 60 Prozent. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Arbeitsplätze in Industrieländern könnte KI menschliche Tätigkeiten ersetzen, bei der anderen Hälfte die Produktivität steigern. Auch die Vermögensungleichheit dürfte wachsen. Die Gewinne landen dort, wo die Maschinen stehen. Genauer: bei denen, denen sie gehören. Betreiber von Rechenzentren und Unternehmen, die ihre Personalkosten drastisch senken, dürfen sich freuen. Rechenzentren sind übrigens auch nur Immobilien: Die KI braucht Fläche, Strom und einen guten Mietvertrag.
Dabei ist nicht das Problem, dass wir weniger arbeiten müssten. Das wäre Fortschritt. Das Problem ist, dass Millionen Menschen keine Arbeit mehr finden, weil Maschinen sie billiger erledigen. Mit der Arbeit verlieren sie ihr Einkommen. Sollen ganze Generationen von Sozialleistungen leben? Und wer finanziert dann Sozialstaat und Pensionen, wenn immer weniger Menschen Steuern und Beiträge zahlen? Wenn der Lohn als wichtigste Einkommensquelle wegfällt, müssen die Menschen anders an den Erträgen der Produktion beteiligt werden.
Die industrielle Revolution schuf Fabrikbesitzer und eine Arbeiterklasse. Die KI-Revolution könnte eine Wirtschaft schaffen, deren Kapitaleigentümer kaum noch Arbeiter brauchen. An der Analyse hätte Karl Marx seine Freude. Mit der Revolution täte er sich schwer: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Nur wozu, wenn euch niemand mehr braucht?
Und Europa? Die mächtigsten KI-Plattformen kommen überwiegend aus Amerika und China. Wir exportieren Daten und Wertschöpfung und importieren Software. Die Jobs entstehen woanders. Die Gewinne lassen sich international verschieben. Die Sozialkosten nicht. Früher brauchte man Kolonien, um ein Land auszubeuten. Heute genügt ein Softwareabo.
Nun lässt sich einwenden, technischer Fortschritt habe noch immer neue Berufe geschaffen. Stimmt. Nur half es den Handwebern wenig, deren Arbeit mechanische Webstühle übernahmen. Neue Berufe entstehen schließlich nicht unbedingt dort, wo die alten verschwinden. „In the long run, we are all dead“, spottete derselbe Keynes. Außerdem war die Dampfmaschine nicht in der Lage, anschließend auch noch die Ingenieure zu ersetzen.
Vielleicht braucht der Kapitalismus deshalb ein Update. Wenn Maschinen künftig einen immer größeren Teil der Wertschöpfung übernehmen, muss auch der Zugang zu ihren Erträgen breiter werden. Durch Kapitalbeteiligungen, Bürgerfonds oder ein Steuersystem, das mit der technischen Entwicklung Schritt hält. Dazu kommt: An den Maschinen verdient vor allem, wem sie gehören. In Österreich besitzt nur eine Minderheit der Haushalte Aktien oder Investmentfonds. Nicht einmal die Hälfte wohnt im Eigentum. Es geht dabei nicht um Almosen des Staates, sondern um eine breitere Beteiligung am wirtschaftlichen Fortschritt. Nicht aus Sozialromantik, sondern aus wirtschaftlicher Vernunft. Denn auch die klügste Maschine braucht am Ende Kunden, die ihre Produkte bezahlen können.
Die KI könnte uns zu den Letzten machen, die noch arbeiten müssen. Einst war die Mühsal der Arbeit die Strafe für die Vertreibung aus dem Paradies. Nun dürften wir zurück. Leider hat es inzwischen einen Eigentümer. Wir müssten nur noch die Miete zahlen.






