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Die Droge Macht

von Thilo Hoffmann
27. Juli 2026
in Europa, International

Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Die gefährlichste Droge der Welt wird nicht geschnupft. Sie wird gewählt.

Irgendwo in Europa hängt heute vielleicht ein vergilbtes Foto an der Wand. Darauf ein junger Mann mit Strohhut und Gummistiefeln auf einem Feld in Nicaragua. Heute ist er längst pensionierter Lehrer. Damals als Student war er überzeugt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Er sammelte Kaffee, diskutierte bis tief in die Nacht über Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität und half dabei, eine Diktatur zu überwinden.

Daniel Ortega war damals für viele junge Europäer ein Held. Er war der Mann, der versprach, Nicaragua von der Diktatur zu befreien. Fast fünfzig Jahre später verkündet derselbe Daniel Ortega, dass Nicaragua nie wieder wählen wird. Er beklagt, dass seine Gegner ständig Parteien gründeten, um Wahlen zu gewinnen. 

Manchmal entlarvt sich Macht mit einem einzigen Satz. Vielleicht ist das Bitterste daran nicht einmal Ortegas Satz. Sondern das vergilbte Foto.

Macht verändert Menschen kaum. Sie offenbart vielmehr, wer sie wirklich sind. Und sie zeigt es oft erstaunlich schnell. Ein Politiker gewinnt eine Wahl. Er zieht in den Amtssitz ein. Vier Jahre Mietvertrag. Vielleicht fünf. Mit etwas Glück eine Verlängerungsoption. So funktioniert Demokratie. Eigentlich.

Doch Macht hat eine eigentümliche Nebenwirkung. Sie macht aus Mietern erstaunlich schnell Eigentümer. Am ersten Tag im Amt weiß jeder Regierungschef, dass ihm seine Macht nur geliehen wurde. Am letzten Tag sind sich manche da nicht mehr so sicher.

Gefährlich wird es nicht deshalb, weil Politiker Macht wollen. Dafür werden sie schließlich gewählt. Gefährlich wird es, wenn sie glauben, der Wähler wolle ihnen etwas wegnehmen, was ihnen gehört. Von diesem Augenblick an verändert sich alles. Eine Wahl ist dann kein demokratischer Wettbewerb mehr. Sie wird zur Räumungsklage. Und niemand lässt sich gern aus seiner vermeintlich eigenen Villa werfen. Schon gar nicht, wenn im Keller mehr liegt als ein paar alte Akten.

Je länger jemand regiert, desto teurer wird das Verlieren. Irgendwann geht es nicht mehr nur um Politik. Sondern um Freiheit. Um Vermögen. Um Strafverfahren. Um loyale Weggefährten. Um Familienmitglieder. Kurz gesagt: um das Leben nach der Macht.

Und genau dort wird die Macht zur Droge. Plötzlich erscheint die Wiederwahl nicht mehr als Wunsch. Sondern als Notwendigkeit.

Daniel Ortega kämpfte einst gegen einen Diktator. Damals war er überzeugt, niemals so zu werden. Das glauben Diktatoren fast immer. Es ist das Muster der Macht.  Die meisten Regierungschefs glauben an Demokratie. Zumindest bis zur ersten wirklich bedrohlichen Wahlniederlage. Von diesem Moment an ähneln sich manche Machthaber erstaunlich. Nicht ideologisch. Psychologisch.

Wladimir Putin präsentiert sich seit Jahren als Garant der russischen Staatlichkeit. Recep Tayyip Erdoğan erklärt seine Herrschaft regelmäßig zur Voraussetzung der Stabilität der Türkei. Donald Trump spricht lieber über den Deep State, China und Wahlbetrug als über die Möglichkeit, dass Wähler ihre Meinung geändert haben. Benjamin Netanjahu kämpft während laufender Strafverfahren nicht nur um seine politische Zukunft. Zunehmend verbindet er sie mit der Sicherheit Israels.

Unterschiedliche Länder. Unterschiedliche Ideologien. Und doch derselbe Reflex. Der Politiker beginnt irgendwann nicht mehr zu glauben, dass er das Amt braucht. Sondern dass das Amt ihn braucht.

Von dort ist der nächste Schritt erstaunlich klein. Wenn ich unentbehrlich bin, kann eine Wahlniederlage nur ein Irrtum sein. Oder Betrug. Oder eine Verschwörung. Oder ausländische Einflussnahme. Eine Erklärung findet sich immer. Schließlich irrt sich das Volk. Nie der Regierungschef. Wer sich selbst für unersetzlich hält, erklärt früher oder später den Wähler für ersetzbar.

Dabei besitzt Demokratie einen geradezu banalen Grundsatz. Niemand ist unentbehrlich. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einem Demokraten und einem Autokraten. Beide gewinnen gern Wahlen. Der Demokrat kann sie auch verlieren.

Demokratische Reife zeigt sich nicht am Wahlabend. Sondern am Morgen danach. Dann, wenn feststeht, dass man verloren hat. Dann entscheidet sich, ob jemand das Amt noch als Leihgabe verstanden hat. Oder längst als Eigentum.

Fast jede Revolution beginnt mit dem Versprechen: „Nie wieder Diktatur.“ Manche enden mit dem Satz: „Nie wieder Wahlen.“

Die Gesichter wechseln. Die Versuchung bleibt.

Tags: DemokratieMachtRegierungThilo Hoffmann
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