Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Europas Ingenieure gehören zur Weltspitze. Was fehlt, sind Unternehmer, Wagniskapital und der Mut, Weltkonzerne zu bauen.
Wer den öffentlichen Diskussionen über künstliche Intelligenz folgt, könnte meinen, Europa spiele in dieser Revolution kaum noch eine Rolle. OpenAI, Nvidia, Microsoft, Google – die Zukunft scheint ausschließlich im Silicon Valley geschrieben zu werden. Das klingt plausibel. Es stimmt nur nicht ganz.
Denn ohne Europa gäbe es viele der modernsten KI-Chips überhaupt nicht. ASML aus den Niederlanden baut die Lithografiemaschinen, ohne die ihre Herstellung kaum möglich wäre. Zeiss liefert die Präzisionsoptik, Trumpf die Lasertechnologie. Die eigentlichen Chips entstehen anschließend vor allem bei TSMC in Taiwan. Europa spielt bei den Schlüsseltechnologien der Halbleiterindustrie keineswegs in der zweiten Liga.
Das Problem ist nur: Den Goldrausch organisieren andere.
Die eigentliche Wertschöpfung entsteht dort, wo Plattformen gebaut, Software skaliert und Märkte beherrscht werden. Dort sitzen heute Nvidia, Microsoft, Alphabet, Amazon und OpenAI. Dort fließen hunderte Milliarden Dollar in neue Geschäftsmodelle. Dort entstehen Unternehmen, deren Börsenwert größer ist als die Wirtschaftsleistung mancher Staaten.
Europa baut Weltklasse-Technologie. Amerika baut Weltkonzerne.
Wir feiern den Hidden Champion. Der Mittelstand ist eine der größten Stärken Europas. Problematisch wird es erst dann, wenn wir den Hidden Champion zum Endziel erklären. Zu oft dient er als Alibi, gar nicht erst größer denken zu müssen.
Häufig kommt es nicht zum nächsten Schritt. Gute Ideen werden oft verkauft, bevor sie wirklich groß werden. Der erfolgreiche Exit gilt als Krönung unternehmerischen Handelns. Es fehlt die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Es fehlen große Finanzierungsrunden. Und es fehlen Gründerpersönlichkeiten, die nicht nur einen Markt bedienen, sondern einen Markt schaffen und ihn beherrschen wollen – Unternehmer, die groß genug denken, auch wenn sie zunächst belächelt werden.
Europa mangelt es nicht an Ingenieurskunst. Sondern an unternehmerischem Mut. An Visionen. An Größenwahn.
In Europa gilt Größenwahn als Charakterfehler. Im Silicon Valley ist er Geschäftsmodell.
Im Silicon Valley ist Wachstum häufig wichtiger als Gewinn. Milliardenverluste werden jahrelang akzeptiert, wenn am Ende ein Markt beherrscht werden kann. Europa denkt anders. Hier möchte der Investor möglichst früh einen belastbaren Businessplan sehen, der Banker fragt nach Sicherheiten und der Unternehmer freut sich über den ersten Gewinn.
Der Amerikaner fragt: Wie groß kann das werden? Der Europäer fragt: Wann rechnet sich das? Vielleicht erklärt genau das, warum Europa Weltmarktführer baut – und Amerika Weltkonzerne.
Weltkonzerne entstehen selten aus Bescheidenheit.
Wir erfinden den Bagger. Andere eröffnen die Goldmine.
Europa braucht mehr Mut zum Größenwahn.






