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Zu schön für Excel

von Thilo Hoffmann
31. August 2026
in Gewerbe, Retail
Foto: Andi Bruckner; www.andibruckner.com

Foto: Andi Bruckner; www.andibruckner.com

Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Die Ringstraßen-Galerien waren ein Wiener Landmark. Nun werden sie „revitalisiert“. Was dabei verloren geht, steht in keiner Excel-Tabelle.

Es gibt Immobilien, die sind mehr als Immobilien. Die Ringstraßen-Galerien waren so ein Fall. Einen „Konsumententempel mit großstädtischen Ambitionen“ nannte der Architekturhistoriker August Sarnitz das 1993 eröffnete Ensemble.

Und tatsächlich durfte man damals ein wenig größenwahnsinnig sein. Direkt am Ringstraßen-Corso: zwei Häuser, verbunden durch eine gläserne Brücke über den Max-Weiler-Platz. Großzügige Atrien, Luxushotels, edle Geschäfte auf mehreren Ebenen und über der Mahlerstraße ein verschiebbares Glasdach. Naturstein, Marmor, Messing, Chrom – 1993er Luxus. Veranstaltungen, Weihnachtsstände, Flanieren. Vom Schwarzenbergplatz konnte man beinahe trockenen Fußes bis zur Oper gehen. Damals nannte man so etwas noch Architektur. Heute hieße es „Experience“.

Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Der Kärntner-Ring-Hof ist geschlossen, sein Atrium nicht mehr öffentlich zugänglich. Brücke und Überdachung wurden abgebrochen. Aus Mallflächen werden Büros. Geschäfte erhalten straßenseitige Zugänge. Das war´s dann mit dem „Konsumententempel mit großstädtischen Ambitionen“.

Dafür gibt es gute Gründe. Geschäfte schlossen, Flächen standen leer. Zwei Eigentümer machten die Sache nicht einfacher. Um die Eigentumsverhältnisse des Palais Corso wurde jahrelang prozessiert; 2025 geriet die dortige Eigentümergesellschaft in Insolvenz.

Aber war das städtebauliche Konzept deshalb schlecht? Oder nur das Geschäftsmodell?

Frequenz fehlte vielleicht. Lage sicher nicht. Schon 2015 sah EHL hier „enormes Potenzial“ – allein wegen 614.000 Hotelnächtigungen in fußläufiger Entfernung. Oper, Musikverein, Kärntner Straße, Ring, Luxushotels – Touristen müsste man hier eigentlich mit Gewalt fernhalten. 

Vielleicht hätte man es vor dem Rückbau noch einmal mit Kreativität versuchen können. Warum nicht die vorhandenen Räume neu bespielen – etwa mit einer großen Wiener Food Hall im Untergeschoss? Schnitzel, Sachertorte, Würstel, Manner, Marktstände und gute Restaurants. Japanische Kaufhäuser zeigen seit Jahrzehnten, wie man aus Essen Frequenz macht. Nur eine Idee. Es hätte ja nicht die letzte sein müssen.

Der damalige Eigentümer Zurich zog 2023 die Reißleine. Die Ringstraßen-Galerien sollten „neuen, modernen Retailflächen“ weichen. Zurich nannte das eine „behutsame Modernisierung des Stadtbildes“. 2024 übernahm JP Immobilien und führt den Umbau fort. Behutsam ist ein schönes Wort. Die Brücke ist trotzdem weg.

Immobilienwirtschaftlich kann das Sinn machen. Das Atrium hatte schließlich einen schweren Fehler: Es zahlte keine Miete. Eine Brücke verbindet zwei Häuser, produziert aber keine Geschossfläche. Und ein Glasdach über einer Straße ist endgültig problematisch. Viel Architektur, wenig Mietvertrag. Zu schön für Excel.

Nur beginnt genau dort die Verantwortung der Stadt. Was für jeden einzelnen Eigentümer wirtschaftlich vernünftig ist, macht in der Summe noch keine bessere Stadt. Atrien, Arkaden, Passagen und Plätze sind häufig gerade deshalb schön, weil dort nicht jeder Quadratmeter maximal verwertet wurde.

Jeder optimiert seine Immobilie. Aber wer optimiert eigentlich Wien? Und wer fühlt sich verantwortlich, wenn hier ein öffentlich erlebbarer Raum verschwindet? Mitten in Wien wird ein drei Jahrzehnte altes, von renommierten Architekten geschaffenes Ensemble zerlegt. Baurechtlich mag das alles seine Ordnung haben. Aber Städtebau ist mehr als die Summe erteilter Genehmigungen.

Natürlich müssen Immobilien Geld verdienen. Wien ist kein Freilichtmuseum. Vielleicht hätte auch die schönste Food Hall der Welt die Ringstraßen-Galerien nicht gerettet. Aber wenn jeder Quadratmeter Geld verdienen muss, wäre der Stephansplatz eine spektakuläre Fehlentwicklung.

Der Kärntner-Ring-Hof wird nun „revitalisiert“. Die Excel-Tabelle wird passen. Vielleicht wird er sogar eine hervorragende Immobilie.

Die großstädtischen Ambitionen sind Geschichte.

Aber gut. Wien hat schließlich genug schöne Orte.

Tags: JP ImmobilienRingstraßeRingstraßen GalerienThilo HoffmannWien
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