Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Einst wirtschaftlich auf dem Niveau Jamaikas, heute vor Japan. Polen hat einen atemberaubenden Aufstieg hingelegt. Und langsam stellt sich die Frage, wer hier eigentlich über wen lachen kann.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war Polen für viele Österreicher ein Synonym für Armut und Rückständigkeit. Leere Geschäfte, endlose Warteschlangen, Lebensmittelkarten, marode Infrastruktur. In den achtziger Jahren war die Versorgungslage zeitweise so katastrophal, dass Care-Pakete aus dem Westen helfen mussten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus folgten Massenarbeitslosigkeit und eine Inflation von zeitweise mehr als 500 Prozent. Noch 1990 lag Polens kaufkraftbereinigte Wirtschaftsleistung pro Kopf ungefähr auf dem Niveau Jamaikas.
Und bei uns? Da erzählte Harald Schmidt Polenwitze. Über polnische Autos, polnische Diebe und polnische Rückständigkeit. Der Österreicher konnte sich dabei angenehm überlegen fühlen. Er hatte ja den richtigen Reisepass. Heute sollte man mit diesen Witzen vorsichtig sein. Die Pointe könnte sich geändert haben.
Denn Polen hat eine der bemerkenswertesten wirtschaftlichen Aufholjagden Europas hingelegt. Seit dem EU-Beitritt 2004 ist seine Wirtschaftsleistung real um rund 130 Prozent gewachsen. Inzwischen gehört das Land mit einer Wirtschaftsleistung von mehr als einer Billion Dollar zu den rund 20 größten Volkswirtschaften der Welt. Kaufkraftbereinigt hat Polen beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf inzwischen sogar Japan und Spanien knapp überholt. Von Jamaika nach Japan. In einer Generation.
Wer heute durch Polen reist, sieht, wohin ein Teil dieses Wachstums geflossen ist. Moderne Autobahnen, neue Bahnstrecken, Industrieparks, Logistikzentren. Warschau, Krakau oder Danzig haben mit den grauen Städten der kommunistischen Vergangenheit kaum noch etwas gemeinsam. Ein neuer Großflughafen ist geplant, das erste Kernkraftwerk wird vorbereitet. Während wir den Wohlstand von gestern verwalten, baut Polen den von morgen.
Natürlich half die Europäische Union kräftig mit. Seit dem Beitritt flossen mehr als 260 Milliarden Euro an Fördermitteln ins Land. Aber Geld allein schafft noch keinen Wohlstand. Die Polen machten daraus Straßen, Bahnstrecken und Industriegebiete. Hinzu kamen marktwirtschaftliche Reformen, ausländische Investitionen und eine beeindruckende Unternehmerkultur. Unternehmertum genießt in Polen einen Respekt, der in Teilen Westeuropas verloren gegangen zu sein scheint.
Früher suchten Hundertausende Polen Arbeit in Deutschland, Großbritannien und Österreich. London galt zeitweise als zweitgrößte polnische Stadt. Der „Polish Plumber“, der billige Klempner, wurde zum Schreckgespenst westeuropäischer Gewerkschafter. Heute zieht es viele Polen zurück in die Heimat. Dort gibt es gute Jobs, steigende Löhne und wirtschaftliche Perspektiven. Ausgerechnet die Briten, die einst Angst vor dem polnischen Klempner hatten, hätten ihn heute gerne zurück.
Auch bei der Sicherheit zeigt sich ein Unterschied in der Denkweise. Polen investiert inzwischen rund 4,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die Verteidigung. In dem geschichtsbewussten Land, das mehrfach von der Landkarte verschwand, ist Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeit. Während andere europäische Staaten hofften, geopolitische Risiken würden sich durch freundliche Gespräche erledigen, nahm Polen die Bedrohung aus Russland frühzeitig ernst.
Auch das polnische Wirtschaftswunder hat seine Schattenseiten. Das Haushaltsdefizit ist hoch, die Bevölkerung altert, Fachkräfte werden knapper. Politisch ist das Land tief gespalten. Doch der wirtschaftliche Aufstieg hat Regierungen unterschiedlicher Couleur überdauert. Polen hat sich etwas bewahrt, das uns zunehmend abhandenkommt: den Ehrgeiz, voranzukommen. Aufsteiger sehen Chancen, Besitzstandswahrer vor allem Risiken. Österreich und Deutschland wirken dagegen wie wohlhabende Erben, die vom Familienvermögen leben und das für ein Geschäftsmodell halten.
Österreich ist noch immer reicher. Aber während die Polen daran arbeiten, uns einzuholen, arbeiten wir daran, ihnen die Sache zu erleichtern.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Polenwitzes: Am Ende lachen die Polen.






