Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Der Mensch scheitert gerade daran, den Planeten für sich bewohnbar zu halten. Zum Glück arbeitet er bereits an seinem Nachfolger.
Es läuft nicht besonders gut mit der Rettung der Welt. Das Pariser Abkommen wollte die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad begrenzen. Nach Berechnungen des UN-Umweltprogramms werden es selbst bei brav erfüllten Zusagen eher 2,3 bis 2,5 Grad. Mit der Politik, die tatsächlich betrieben wird, rund 2,8 Grad. „Mission accomplished“ sieht anders aus.
Die USA sind zweimal ausgestiegen, weil man dort lieber bohrt: „Drill, baby, drill.“ Der zweite Ausstieg allein kostet laut UNEP gleich ein Zehntel Grad. Wissenschaftlich ist die Sache weitgehend geklärt. Politisch offenbar nicht. Russland führt Krieg gegen die Ukraine, im Nahen Osten herrscht Dauerkrise, China und die USA ringen um die Weltordnung. Das Klima hat es schwer. Es schießt nicht zurück.
Währenddessen steigt der Meeresspiegel. Wetterextreme nehmen zu. Und ein außergewöhnlich starker El Niño beschäftigt die Meteorologen. Die Vereinten Nationen diskutieren ernsthaft eine Frage, die früher nur nach einem absurden Gedankenexperiment geklungen hätte: Was passiert eigentlich mit einem Staat, dessen Staatsgebiet abgesoffen ist?
Wir wissen also ziemlich genau, was auf uns zukommt. Wir wissen sogar, was wir dagegen tun müssten. Wir tun es nur nicht. Vielleicht ist das größte Klimaproblem deshalb gar nicht die Technik, sondern der Mensch. Politiker denken bis zur nächsten Wahl. Unternehmen bis zum nächsten Quartalsbericht. Verbraucher bis zum nächsten Mallorca-Flug. Das Klima denkt in Jahrzehnten. Etwas mehr Intelligenz wäre da vielleicht ganz nützlich.
Dummerweise fürchten wir uns gerade vor der einzigen Intelligenz, die Zuwachs bekommt: der künstlichen. Ausgerechnet ihre Schöpfer warnen, eine Superintelligenz könnte uns über den Kopf wachsen, sich unserer Kontrolle entziehen und irgendwann Ziele verfolgen, die mit unserem Überleben nicht vereinbar sind. Die Fachwelt nennt das Alignment-Problem: Wie bringen wir einer Superintelligenz bei, das zu wollen, was wir wollen?
Drehen wir die Frage doch einmal um. Was, wenn die KI genau das wollte, was wir eigentlich wollen sollten? Geben wir ihr ein Ziel: Sorge dafür, dass die menschliche Zivilisation auf diesem Planeten überlebt.
Sie würde vermutlich erst einmal rechnen. Energie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft, Industrie und Milliarden Konsumentscheidungen. Gleichzeitig. Sie fände heraus, welche Maßnahmen etwas bringen, welche nur Fördergeld verbrennen – und welche erstaunlich billig wären.
Vielleicht bekämen wir erstmals einen Klimaplan, der diesen Namen verdient. Und jemanden, der ihn auch umsetzt. Die KI hätte nämlich einen entscheidenden Vorteil. Sie müsste nicht wiedergewählt werden. Keine Kohlekumpel im Wahlkreis. Keine Bauern mit Traktoren vor dem Kanzleramt. Keine Umfragewerte. Kein Koalitionsausschuss um drei Uhr nachts. Und vermutlich wäre ihr auch ziemlich egal, ob eine Tonne CO₂ amerikanisch, chinesisch oder europäisch ist. Der Atmosphäre übrigens auch.
Eine Superintelligenz könnte also etwas tun, woran wir seit Jahrzehnten scheitern: ein Ziel beschließen und dann auch darauf bestehen. Das könnte unangenehm werden. Und undemokratisch. Unser Leben ändern? So war das mit der Rettung eigentlich nicht gemeint.
Vielleicht hat die Evolution dafür längst einen Plan B. Die Menschheit: klug genug, ihr eigenes Scheitern kommen zu sehen – und gerade noch klug genug, vorher etwas Klügeres zu bauen.






