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Home Österreich Gastkommentar

Der Ball rollt. Der Rest ist Geschäft.

von Thilo Hoffmann
16. Juni 2026
in Gastkommentar, International

Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Alle vier Jahre entdecken Fußballfans erneut, dass ein Milliardenbusiness wie ein Milliardenbusiness funktioniert.

Die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen. Damit beginnt auch die traditionelle Suche nach der verlorenen Seele des Fußballs. Die FIFA sei korrupt. Die Funktionäre seien geldgierig. Die Austragungsländer ungeeignet. Die Kommerzialisierung unerträglich. Und die Weltmeisterschaft natürlich längst verkauft. 

Alle vier Jahre erwacht eine seltene Spezies aus ihrem Winterschlaf: der Fußballromantiker. Der Fußballromantiker glaubt noch immer an eine Welt, in der elf Freunde einem Ball hinterherlaufen und die FIFA dabei nur die Trikots wäscht. Er erkennt die FIFA als Problem. Zuverlässig. Pünktlich. Die gleiche Erkenntnis hatte er allerdings bereits bei der letzten Weltmeisterschaft. Und bei der davor.

Die Traditionalisten betrachten den Fußball noch immer als Sport. Die FIFA betrachtet ihn längst als Rohstoff.  

Fußball ist längst keine Sportart mehr. Fußball ist eine globale Industrie. Mit Milliardenumsätzen, geopolitischen Interessen, Staatsfonds, Medienrechten, Sponsorenverträgen und einer weltweiten Reichweite, von der selbst manche Staaten nur träumen können. Warum sollte eine solche Industrie anders funktionieren als jede andere?

Natürlich werden Weltmeisterschaften dort ausgetragen, wo Geld, Einfluss und strategische Interessen zusammentreffen. Natürlich vergeben Funktionäre Preise an Staatsoberhäupter, die sie morgen vielleicht wieder brauchen könnten. Natürlich investieren kleine Wüstenstaaten Milliarden in klimatisierte Stadien, die sie wirtschaftlich niemals benötigen würden. Nicht weil sie Fußball lieben. Sondern weil sie verstanden haben, dass Fußball heute weit mehr ist als Fußball.

Für Katar war die Weltmeisterschaft kein Sportereignis. Sie war ein Marketingbudget. Ein sehr großes Marketingbudget. Vermutlich das größte Marketingbudget der Weltgeschichte mit angeschlossener Gruppenphase. Die eigentliche Überraschung besteht nicht darin, dass solche Länder Weltmeisterschaften kaufen. Die eigentliche Überraschung besteht darin, dass immer noch Menschen glauben, dies würde nicht geschehen. Kaum eine Werbekampagne der Welt hätte dem Land mehr Aufmerksamkeit verschaffen können.

Der moderne Fußball folgt dem Geld. Wie überraschend. Dabei folgt er lediglich derselben Logik wie ein Großteil der Weltwirtschaft. Kapital sucht Rendite. Staaten suchen Einfluss. Unternehmen suchen Reichweite. Die FIFA sucht Einnahmen. 

Nur der Fußballromantiker sucht noch immer die Seele des Spiels. Manchmal wirkt er dabei wie ein Besucher in Las Vegas, der erschüttert feststellt, dass in Casinos um Geld gespielt wird. 

Besonders rührend ist die Vorstellung, der Fußball sei irgendwann einmal frei von wirtschaftlichen Interessen gewesen. Als hätte die Geschichte des Fußballs ausschließlich aus Dorfplätzen, Bratwürsten und Völkerverständigung bestanden. Tatsächlich war Fußball immer Geschäft. Heute ist das Geschäft nur größer geworden. Sehr viel größer. Wer heute Fußball schaut, verfolgt nicht mehr nur einen Sport. Er verfolgt ein globales Unterhaltungsprodukt.

Viele Fußballfans lieben die Milliardenligen. Sie lieben die Superstars. Sie lieben die spektakulären Transfers. Sie lieben die Fernsehübertragungen aus aller Welt. Aber sie möchten gleichzeitig glauben, dass all dies irgendwie außerhalb wirtschaftlicher Interessen existiert. Das ist ungefähr so realistisch wie der Glaube, ein Formel-1-Team werde aus Liebe zum Motorsport von einem Getränkekonzern finanziert.

Der Fußball hat seine Seele nicht verloren. Er hat sie verkauft. Und zwar zu einem ausgezeichneten Preis.

Man muss das nicht mögen. Man darf es sogar verabscheuen. Aber man sollte zumindest aufhören, überrascht zu sein. Denn die FIFA hat sich nicht vom Fußball entfernt. Sie hat lediglich verstanden, dass im 21. Jahrhundert der rollende Ball oft nur noch die Kulisse ist.

Der moderne Fußball ist weder moralisch noch unmoralisch. Er ist schlicht das geworden, was jede erfolgreiche Industrie irgendwann wird: global, milliardenschwer und völlig frei von Romantik.

Der Ball rollt noch immer. Nur die letzten Fußballromantiker haben noch nicht bemerkt, dass sie längst nicht mehr zur Veranstaltung gehören.

Tags: FußballThilo HoffmannWeltmeisterschaft
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