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Energie ist wieder Macht

von Thilo Hoffmann
18. Mai 2026
in Europa, International, Österreich
Wo Strom fließt, entstehen Einfluss, Kontrolle und Zukunft.

Wo Strom fließt, entstehen Einfluss, Kontrolle und Zukunft.

Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann:

Lange wirkte Energie wie etwas Technisches. Sie kam aus der Steckdose, der Gasleitung oder der Tankstelle. Solange Preise stabil blieben, interessierte sich kaum jemand dafür, woher sie eigentlich kam.

Das hat sich verändert. Heute kann ein schmaler Meeresstreifen zwischen Iran und Oman Ölpreise weltweit beeinflussen. Airlines sorgen sich um mögliche Kerosinknappheit. Ungarn und die Slowakei streiten über russisches Pipelinegas. Europa bemüht sich hektisch um neue LNG-Verträge. Staaten diskutieren über LNG-Terminals, Stromnetze und Speicherstände wie früher über Militärbasen. Energie ist zurück auf der geopolitischen Bühne.

Dabei hatte der Westen lange geglaubt, diese Fragen hinter sich gelassen zu haben. Globalisierung bedeutete auch: Energie würde immer dort verfügbar sein, wo sie gebraucht wird. Märkte würden Risiken ausgleichen. Effizienz erschien wichtiger als strategische Kontrolle. Europa trieb diese Idee besonders weit. Russische Energie galt als billig, zuverlässig und wirtschaftlich vernünftig. Erst der Ukrainekrieg machte sichtbar, wie schnell aus ökonomischer Abhängigkeit politische Verwundbarkeit werden kann.

Doch es geht längst nicht mehr nur um den Ölpreis. Über Jahrzehnte optimierte die Globalisierung Lieferketten auf maximale Effizienz. Lagerhaltung verschwand, Redundanzen galten als Kostenfaktor, strategische Abhängigkeiten erschienen beherrschbar. Das machte die Welt produktiver – aber auch fragiler. Heute zeigt sich, wie empfindlich diese Systeme geworden sind. Ein Konflikt an der Straße von Hormus beeinflusst nicht nur Energiepreise, sondern Transportkosten, Inflation, Produktionsketten und industrielle Planung weltweit. Energie wird zum Stabilitätsfaktor moderner Volkswirtschaften.

Seither verändert sich der Blick auf Energie radikal. Denn die Welt braucht nicht weniger Energie, sondern mehr. Viel mehr. Nicht nur wegen Elektroautos oder Klimapolitik. Sondern wegen der Digitalisierung selbst. Künstliche Intelligenz klingt abstrakt und virtuell, besteht in Wahrheit aber aus gigantischen Rechenzentren mit enormem Stromverbrauch. Die digitale Welt ist erstaunlich physisch geworden: Serverfarmen, Kühlung, Stromleitungen, seltene Rohstoffe. Clouds stehen nicht im Himmel.

Gleichzeitig zeigt sich, wie schwer manche Bereiche zu ersetzen sind. Flugzeuge fliegen weiterhin mit Kerosin. Industrie benötigt Hochtemperaturprozesse. Strom allein löst nicht jedes Problem. Die Energiewende ist deshalb weniger eine moralische Frage als ein technologischer Kraftakt.

Gerade Europa steht dadurch zunehmend unter Druck. Das europäische Wirtschaftsmodell basiert auf Industrie, Export und technologischer Produktion – also auf einer stabilen und wettbewerbsfähigen Energieversorgung. Hohe Energiekosten entscheiden längst nicht mehr nur über private Stromrechnungen, sondern darüber, wo investiert, produziert und geforscht wird.

Während Europa um Wettbewerbsfähigkeit ringt, entstehen anderswo neue Machtzentren. Staaten wie Saudi-Arabien, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen Energieeinnahmen inzwischen, um geopolitischen Einfluss aufzubauen – über Staatsfonds, Fluglinien, Technologieinvestitionen, Infrastruktur und globale Sportereignisse. Energie finanziert dort längst nicht mehr nur Wohlstand, sondern strategische Reichweite.

Der Westen behandelte Energie lange wie Infrastruktur – verfügbar, austauschbar und politisch beherrschbar. Vielleicht war die eigentliche Ausnahme der vergangenen Jahrzehnte nicht die geopolitische Konkurrenz, sondern die Illusion, Energie sei unpolitisch geworden. 

Diese Illusion endet gerade. Wer Zugang zu Energie, Netzen und Rohstoffen kontrolliert, kontrolliert zunehmend industrielle, technologische und politische Handlungsspielräume.

Das 21. Jahrhundert wird digitaler, elektrischer – und energiehungriger. Und genau deshalb wird Energie wieder Macht.

Tags: GastkommentarGeopolitikThilo Hoffmann
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