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On’zahn, Leute!

von Charles Steiner
15. Mai 2026
in Europa, Gewerbe, International
Europa wird gerade in die Mangel genommen. Mit unserer Jahrtausende alten Geschichte dürfen wir uns das nicht bieten lassen. Bild: Dall-E/OpenAI

Europa wird gerade in die Mangel genommen. Mit unserer Jahrtausende alten Geschichte dürfen wir uns das nicht bieten lassen. Bild: Dall-E/OpenAI

Kommentar des Chefredakteurs: Die jüngste Rede der bekannten Historikerin Anne Applebaum im Rahmen der Eröffnung der Wiener Festwochen sollte als Weckruf verstanden werden. Wer wie wir Tausende Jahre an Kultur, Geschichte und Recht auf dem Buckel hat, darf sich schon aus Gründen des Stolzes nicht von zwei Großmächten in die Mangel nehmen lassen. Was wir sind und was wir haben sollen die uns erst mal nachmachen.

In Zeiten, in denen vor allem die Unsicherheit relativ sicher ist, hört man viele Abgesänge auf Europa. Häufig genährt vom Geplärre zweier mehr oder weniger Großmächte, namentlich die USA und Russland. Obgleich andere Motive sind sie sich zumindest im Ziel einig, Europa zu schwächen. Während die USA uns unter Trump und seinen Tech-Oligarchen mittlerweile mehr als großen Markt mit lauter Konsumtrotteln sieht, die möglichst von Produkten aus den Staaten abhängig sind, strebt Russland nach Dominanz, weil es sich, aus welchen Gründen auch immer, als „drittes Rom“ betrachtet. Sie eint auch, dass sie mehr oder weniger die selben Bewegungen sponsoren, die obiges Ziel umsetzen wollen. Müssen wir uns das gefallen lassen?

Ausgerechnet eine US-amerikanische Historikerin, mittlerweile auch polnische Staatsbürgerin, Anne Applebaum richtete am Mittwochabend im Rahmen der Wiener Festwochen am Judenplatz einen eindringlichen Appell an die Europäer. Europa darf sich nicht auf eine hübsche historische Kulisse reduzieren lassen. Kathedralen, Plätze, Gründerzeitfassaden, Städtebau und Architektur sind nicht bloß Instagram-Motive oder Assets in Portfolios. Sie sind gebaute Erinnerung an eine Zivilisation, die über Jahrhunderte gelernt hat, dass Schönheit ohne Recht wertlos ist. Ihre Rede können Sie hier lesen.

Vor allem aber sind wir mehr als nur Konsumenten. Auch steht uns die Rolle eines Vasallen für einen aufgeblähten Großstaat nicht zu Gesicht, der seinen Nachbarn mit Terror überzieht. Uns eint vielmehr eine Jahrtausende währende Geschichte, von Griechenland über Rom bis zur Aufklärung und Demokratie. Eine Geschichte, die älter ist, als die der beiden Großmächte zusammen. Als jemand, der in Europa lebt, können diese Bestrebungen der beiden Großmächte nur ein „Hallo, hallo, wo samma denn?“ hervorrufen. Dieses Selbstbewusstsein ist leider vielen nach 80 Jahren Frieden und Konsumpassivität durch Abhängigkeiten abhanden gekommen. Und es ist genau diese Konsumpassivität, die dieses Selbstbewusstsein geschwächt hat: Technik vom Silicon Valley, Öl und Gas aus Russland.

Dabei hätten wir durchaus das Zeug, uns dieser Abhängigkeiten zu entledigen. Wir haben die Köpfe und das Knowhow, um eigene technologische Lösungen zu entwickeln – mit dem Vorteil, dass unsere Daten dort bleiben, wo sie hingehören: Hier bei uns. Wir sind genauso in der Lage, unseren Erfindergeist dahingehend zu entwickeln, die Öl und Gas für uns obsolet machen. Ebenso sind wir in der Lage, eigene Produkte zur Verteidigung zu produzieren, anstatt sie teuer von anderswo zukaufen zu müssen. Wir haben aber noch viel mehr – und das ist genau das Asset, warum Investoren Europa wählen.

Wir haben das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. Dieses garantiert, dass erworbenes Eigentum auch Eigentum bleibt. Man kann sich als Investor also sicher sein, dass wenn er sein Geld in Immobilien steckt, diese ihm diese auch gehört. Gäbe es diese Garantie nicht, gäbe es auch keine Immobilienmärkte, wie wir sie kennen. Diese Rechtsstaatlichkeit ist über 2.000 Jahre alt, konkret in Zeilen gegossen durch das römische Recht. Aus zahllosen Kriegen, in denen wir mitunter auch das Schlechteste unserer Seele gezeigt haben, haben wir zumindest gelernt, dass friedliche Zusammenarbeit nur durch Dialog und Toleranz entstehen kann.

Die Alte Welt, der europäische Kontinent, lässt sich nicht beherrschen. Niemand verfügt selbst über die Jahrtausende währende Geschichte, um das bewerkstelligen zu können. Und der historische Bias lässt sich auch nicht aus den Menschen herausprügeln. Viele Autokraten oder Diktatoren haben das versucht, manche probieren es immer noch. Aber jeder von ihnen ist ausnahmslos gescheitert. So wird es auch jetzt sein. Gegen die Physik kommt man nicht an.

Wenn Großmächte uns schwach sehen wollen, müssen wir Stärke zeigen. Wir haben auch allen Grund dazu. Wir haben nicht nur eine Jahrtausende alte Geschichte, wir haben Know-how und Wissenschaft, wir haben Rechtsstaatlichkeit. Wir haben alle Hebel in der Hand, um uns aus Abhängigkeiten zu schleichen. Nur so als Beispiel: Wir könnten genauso gut sämtliche US-Anleihen abstoßen und den Erlös in unsere eigene Produktion stecken. Wir könnten auch völlig energieautark sein, technisch ist das schon längst möglich.

Wir stehen uns halt manchmal nur selbst immer wieder im Weg, oft wegen Einzelinteressen. Unsere Demokratie ist wahrlich nicht perfekt, wir könnten viel mehr. Aber Demokratie ist nun einmal das einzige Mittel, über das die Interessen möglichst aller abgedeckt werden kann. Für die Demokratie werden wir in vielen Weltteilen beneidet. Immerhin leben wir in Sicherheit, man kann seine Meinung sagen, ohne Repressionen ausgesetzt zu werden oder gar sterben zu müssen. Man darf auch individuelle Lebensziele verfolgen. Das sind alles Dinge, die es anderswo entweder nicht oder nicht in dem Ausmaß gibt.

Wie Anne Applebaum meinte, darf man sich auf die Errungenschaften nicht ausruhen, sie sind nicht selbstverständlich. Wir müssen sie für die Zukunft bewahren. Nicht nur, um unser Leben so angenehm und sicher wie möglich gestalten zu können. Sondern auch der Willkür Einzelner eine Absage zu erteilen. Nicht nur für unseren Lebensweg. Willkür ist vor allem für Immobilienmärkte tödlich. Wir müssen im Angesicht dieser beiden Großmächte jedenfalls schneller werden. Also: An’zahn, Leute!

Tags: EUKommentarRedaktionsschlussUSA
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