Kommentar des Chefredakteurs: Die Immobilienbranche muss aufhören, auf eine baldige Normalisierung zu warten. Die aktuelle Weltlage deutet nämlich auf das Gegenteil hin.
Normal ist das alles nicht mehr. Seit sich die USA und Israel vor rund zwei Wochen entschieden haben, den Iran anzugreifen, scheint alles nicht nach Plan zu verlaufen. Der Ayatollah und nicht wenige Führungseliten des blutigen Regimes sind zwar tot, aber der Krieg tobt immer noch und droht immer mehr Länder in dessen Sog mitzureißen. Was für die Weltwirtschaft besonders besorgniserregend ist, ist der Umstand, dass Energie zu einer geopolitischen Waffe geworden ist. Den Gas- und Ölanlagen werden gezielt angegriffen. Mit entsprechenden Folgen für die Energiepreise und in Folge auf die Teuerung allgemein.
In der jüngsten Zinssitzung hielt die EZB jedenfalls die Füße still und ließ den Leitzins unverändert. Vorerst. Denn wenn die globale Energieversorgung Ziel von Angriffen ist, wird das unweigerlich die Inflation aufheizen und früher oder später zu Zinskorrekturen nach oben führen. Nicht wenige Vertreter der Immobilienwirtschaft rechnen mittlerweile mit mindestens zwei Zinsschritten in diesem Jahr. Experten raten mittlerweile zu Zinsabsicherungen. Ein Aufschwung in Sphären der Nullzinsphase? Für Jahre unwahrscheinlich.

Für die Immobilienwirtschaft ist die Gesamtentwicklung alles andere als erfreulich, sie wird damit aber wohl oder übel umgehen müssen. Denn was gegen Ende des Vorjahres und zu Jahresbeginn gerade wieder aufgekeimt ist, nämlich eine gewisse Stabilität, auf der man planen kann, gilt nun wieder nicht mehr. Projektentwickler können nun nicht mehr wirklich abschätzen, ob sie ein Projekt starten sollen oder nicht, Investoren nicht kalkulieren, wann und ob sie in welche Anlageklasse einsteigen sollen. Warum? Immobilien benötigen nun einmal Energie – und die wird wieder teurer. Wie sehr, hängt von den weiteren Entwicklungen im Nahen Osten ab – aber die deuten nicht auf Entspannung hin.
Was uns die Weltlage schmerzlich vor Augen führt: Europa ist immer noch immens abhängig von globalen (Energie)-Lieferketten. Das muss sich ändern. Wir brauchen Autarkie – und wir können das auch leisten. Vor nicht wenig Jahren ist von einigen Menschen das Thema ESG belächelt worden, dabei ist das zu einer geopolitischen Notwendigkeit geworden. Nachhaltige und erneuerbare Energieversorgung (Wasser, Wind, Sonne, ja, mittlerweile ist in Europa auch Atomkraft wieder ein Thema) anstatt fossiler Brennstoffe hat nichts mit baumumarmender Romantik zu tun, sie macht uns unabhängig von Energiekriegen. Bewusster Umgang mit Ressourcen in Bau und Betrieb – und Ansätze dafür hat die Immobilienwirtschaft in den letzten Jahren sehr viele geliefert, von Urban Mining zu serieller Bauweise – kann den Kostendruck besser abfedern, als wenn wir so bauen wir zuvor.
Krisen wie diese sind die ideale Gelegenheit dafür, Problemfelder der Gegenwart zu erkennen, sie zu antizipieren und Lösungen zu erarbeiten, damit diese künftig eben keine Probleme mehr darstellen können.
Nicht zuletzt hat der Nutzer was davon. Er wird jenen Immobilien den Vorzug geben, bei denen die Energiekosten stabil bleiben und Kostenschocks nicht auf seine Liquidität drücken. Und wird damit auch zum Testimonial einer nachhaltigen Immobilie. Bessere Werbung als ein zufriedener Nutzer, der Mundpropaganda über die angenehm stabilen Energiekosten in seinem Umfeld macht, kann man nicht haben.
Ja, die Welt ist erschreckend instabil geworden. Heißt aber nicht, dass die Immobilienwirtschaft nicht ihrerseits für Stabilität sorgen könnte. So bauen, revitalisieren, betreiben, dass der Nutzer ein stabiles Kostenbild hat. Und das auch in der Öffentlichkeit kommunizieren. Die Schocks, die die Immobilienwelt seit 2022 ereilt hat und 2026 nun eine weitere Dimension erreicht haben, sind definitiv ein Wake-up-Call dafür, dass der Immobiliensektor ein immanenter Teil davon ist, Zukunft zu bauen. Krisen wie diese sind die ideale Gelegenheit dafür, Problemfelder der Gegenwart zu erkennen, sie zu antizipieren und Lösungen zu erarbeiten, damit diese künftig eben keine Probleme mehr darstellen können.






