Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Russland kommt militärisch kaum voran und steht wirtschaftlich unter Druck. Doch Putin schafft es zurück an den Tisch der Weltmächte. Mit einem Friedensangebot, dessen Preis die Ukraine zahlen soll.
Wladimir Putin versteht sein Geschäft. Seine Armee müht sich seit Jahren um Geländegewinne, die Wirtschaft ächzt, und trotzdem spielt er diplomatisch wieder ganz oben mit. Sein neuester Vorschlag, wie das „Wall Street Journal“ berichtet: ein Gipfel mit Donald Trump und Xi Jinping Mitte November in Shenzhen. Drei Männer sollen über die Zukunft der Ukraine verhandeln. Die Ukrainer wären nicht dabei. Europa auch nicht. Wer nicht am Tisch sitzt, steht bekanntlich auf der Speisekarte. Ein Hauch von Jalta liegt in der Luft.
Was hat Putin eigentlich anzubieten? Russland hat Rohstoffe, Atomwaffen und eine glorreiche Vergangenheit. Wirtschaftlich spielt es längst nicht mehr in derselben Liga wie die USA und China. Schon Helmut Schmidt soll die Sowjetunion als „Obervolta mit Atomraketen“ verspottet haben. Heute beträgt Russlands Wirtschaftsleistung nominal nicht einmal ein Zehntel der amerikanischen. Als Eintrittskarte ins Direktorium der Weltmächte etwas dürftig. Aber Putin kennt seine Kundschaft. Xi bekäme einen Gipfel auf eigenem Boden und die Gelegenheit, China als Makler zwischen Washington und Moskau zu präsentieren. Trump bekäme die Aussicht auf einen diplomatischen Triumph. Und Putin bekäme die Sitzordnung zurück, die er vermisst.
Denn Trump hat es eilig. Am 3. November wird der Kongress gewählt. Hohe Energiepreise, Inflation und ein Iran-Krieg, den er selbst begonnen hat, drücken auf die Stimmung. Dazu kommt der Krieg, den er binnen 24 Stunden beenden wollte. Ein historischer Friedensschluss käme ihm gerade recht. Zwar läge der Gipfel erst nach der Wahl, doch die Aussicht darauf lässt sich schon vorher verkaufen. In Washington scheint Putin jedenfalls gut anzukommen. Trumps Sondergesandter Steve Witkoff nannte ihn gerade einen Menschenfreund. Nachdem er einen jahrelang zu Unrecht inhaftierten Amerikaner freigelassen hatte. Eine Einschätzung, die in der Ukraine vermutlich nicht überall auf Zustimmung stößt.
Putin ist jederzeit zu Verhandlungen bereit. Solange das Ergebnis seinen Vorstellungen entspricht: Die Ukraine soll Gebiete im Donbass abtreten, die Russland nicht einmal erobert hat. Ausgerechnet dort liegen zentrale ukrainische Verteidigungsstellungen. Sie soll ihre Armee schwächen. Und Moskau über ihre Zukunft mitbestimmen lassen. Mit anderen Worten: Putin will am Verhandlungstisch bekommen, was seine Armee auf dem Schlachtfeld nicht schafft. Frieden steht auf dem Etikett, Kapitulation im Kleingedruckten.
Angebissen hat Washington schon. Die USA lockern Sanktionen und kaufen russischen Diesel. Im Gegenzug muss Moskau nichts tun. Keine Angriffe einstellen, keine Truppen abziehen, keine Forderungen zurücknehmen. Ein beachtlicher Verhandlungserfolg. Zumal noch gar nicht verhandelt wurde.
Man kann einwenden, Reden sei besser als Schweigen, und ein Xi am Tisch könne Moskau unter Druck setzen. Nur sollte am Ende nicht derjenige bezahlen, der gar nicht mitreden darf. Genau danach sieht es aber aus. Selenskyj ist bereit, die Front entlang der gegenwärtigen Linien einzufrieren. Aber Putin verlangt wesentlich mehr. Und Washington erhöht den Druck auf Kiew. Offenbar wurden Geheimdienstinformationen zurückgehalten, das militärische Satellitensystem Starshield gedrosselt, Lieferungen von Patriot-Raketen verzögert. Nicht Putin soll nachgeben, sondern die Ukraine. Doch solange Europa sie unterstützt, dürfte sich die Ukraine kaum zu einem solchen Frieden zwingen lassen. Für einen Friedensschluss reicht das nicht. Für einen Weltmachtgipfel allemal.
Was also wird aus dem großen Treffen? Schöne Bilder. Ein historischer Händedruck. Trump wird einen Durchbruch verkünden, Xi konstruktive Gespräche loben. Und Putin hätte sein Ziel erreicht. Er wäre wieder einer der Großen.
Der Krieg dürfte trotzdem weitergehen. Aber der Köder hätte funktioniert.






