Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Der Iran kann Amerika militärisch nicht besiegen. Vielleicht muss er das auch gar nicht.
1,95 Euro. So sieht Weltpolitik aus, wenn sie an der Wiener Tankstelle ankommt. Vor dem Iran-Krieg kostete ein Barrel Öl rund 70 Dollar. Inzwischen sind es wieder mehr als 100. Wer wissen will, warum, braucht kein Wirtschaftsmodell. Eine Landkarte reicht.
Saudi-Arabien steckt in der Zange. Im Osten liegt die Straße von Hormus. Seit Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran ist die wichtigste Ölroute der Welt weitgehend blockiert. Für genau diesen Fall haben die Saudis vorgesorgt. Eine 1.200 Kilometer lange Pipeline führt quer durch die Wüste vom Persischen Golf zum Roten Meer. Bis zu sieben Millionen Barrel am Tag. Die Lebensversicherung der größten Ölexportnation der Welt.
Nun ist auch die Umleitung gesperrt. Saudi-Arabien hat Milliarden ausgegeben, um Hormus zu umgehen. Ein paar Drohnen genügten. Und am Ende der Pipeline wartet schon das nächste Problem. Die iranisch unterstützten Huthi haben ihre Position am Roten Meer massiv ausgebaut. Vor ihnen liegt Bab al-Mandab, eine der wichtigsten Schifffahrtsstraßen der Welt. Die Weltwirtschaft umspannt den Globus. Ihre Achillesferse misst 20 Kilometer.
Im Osten Hormus. Im Westen Bab al-Mandab. Dazwischen Saudi-Arabien. Aus dem Hebel wird eine Zange.
Und aus Verteidigung wird Offensive. Der Iran hat verstanden, dass man einen überlegenen Gegner nicht dort angreift, wo er stark ist. Sondern dort, wo er empfindlich ist. Bei Saudi-Arabien ist das Öl. Bei Donald Trump die Wahlen.
Als Israel und die Vereinigten Staaten Ende Februar den Iran angriffen, sollte die iranische Führung ausgeschaltet, das Regime destabilisiert und möglichst ersetzt werden. Wochenlang regneten die Bomben. Der Sohn des letzten Schahs probierte gedanklich schon einmal die Krone an. Regime Change lag in der Luft. Heute liegt dort eher die Sorge um die Midterm elections. Ein White-House-Offizieller brachte die neue Prioritätgegenüber Reuters auf den Punkt: “November is a priority.” Die Weltmacht hat einen neuen strategischen Horizont: den ersten Dienstag im November.
Der Krieg ist in den Vereinigten Staaten unpopulär. Steigende Benzinpreise sind es noch mehr. Trumps Berater drängen Medienberichten zufolge darauf, eine weitere Eskalation möglichst bis nach den Wahlen im November zu vermeiden.
Die Reichweite iranischer Drohnen ist begrenzt. Die Reichweite eines steigenden Ölpreises reicht bis zur amerikanischen Wahlurne. Amerika verfügt über elf Flugzeugträger. Iran über keinen einzigen. Aber gegen schlechte Umfragen sind selbst Flugzeugträger erstaunlich schlecht bewaffnet. Das bekommt nun auch Saudi-Arabien zu spüren. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman bat Washington um militärische Hilfe. An Feuerkraft mangelt es nicht. An Bereitschaft schon. Zumindest vorerst. Amerikanische Schutzversprechen haben offenbar eine Klausel im Kleingedruckten: Sie enden dort, wo amerikanische Wahlen beginnen.
Mehr braucht Teheran nicht. Eine beschädigte Pumpstation. Ein bedrohter Tanker. Die Huthi vor Bab al-Mandab. Den Rest erledigt der Markt. Denn Öl wird nicht erst teurer, wenn es fehlt. Es wird schon teurer, wenn die Welt fürchtet, dass es fehlen könnte. Angst reist schneller als Öl.
Der amerikanisch-israelische Angriff sollte Teherans Optionen vernichten. Teheran hat stattdessen Washingtons Optionen verteuert. Militärisch kann Iran diesen Krieg nicht gewinnen. Politisch kann er dafür sorgen, dass Amerika ihn sich nicht mehr leisten will. Schöne Grüße aus Vietnam.
Und wir? Wir haben mit diesem Krieg nichts zu tun. Außer mit seiner Rechnung.
Geopolitik wird in Dollar pro Barrel gehandelt. Bezahlt wird sie in Euro pro Liter.
1,95 Euro pro Liter. Der Ölpreis der Angst.






