Experteneinschätzungen: gestörte Lieferketten und steigende Energiepreise könnten fragile Markterholung ausbremsen. Die Frage bleibt: Wie lange dauert der Krieg.
Die Eskalation im Nahen Osten um den Schlag gegen den Iran seit Samstag brachte einen weiteren heftigen Unsicherheitsfaktor auf die Weltwirtschaft. Nicht nur, dass im Iran, Israel und in den Vereinigten Arabischen Emiraten Bomben und Drohnen fliegen, ist auch die Straße von Hormus dicht. Ein wichtiges Nadelöhr für Rohstoffe und Erdöllieferungen vor allem nach Europa, aber auch nach China, denn der Umweg über das Kap der guten Hoffnung beträgt doch 6.000 Kilometer – was entsprechend Befürchtungen um steigende Energie- und Rohstoffpreise sehr deutlich werden lassen. Mit entsprechend negativen Folgen für die Immobilienwirtschaft.
Laut Einschätzung von Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay, und Nabil Milali, Portfolio Manager bei Edmonde de Rothschild Asset habe das iranische Regime den Konflikt nach der Tötung des geistlichen Oberhaupts Ali Khamenei sowie anderen hohen Potentaten regionalisiert. An den Finanzmärkten sei die Risikoscheu bereits sichtbar: Aktienmärkte unter Druck, steigende Credit Spreads, ein fester US-Dollar und ein höherer Goldpreis.
Brent-Öl notiere trotz deutlicher Anstiege seit Jahresbeginn bei rund 79 US-Dollar pro Barrel – ein noch tragbares Niveau, allerdings mit steigender geopolitischer Risikoprämie. Besonders kritisch bleibe die Lage in der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des globalen Ölhandels verläuft. Auch die Gaspreise mit Relevanz für Europa seien deutlich gestiegen. Sollte sich die Unsicherheit verfestigen, drohten neue Inflationsimpulse und geldpolitische Zielkonflikte – insbesondere für die US-Notenbank im Jahr 2026.
Fest steht: Für die Immobilienwirtschaft, die sich in der kommenden Woche auf der MIPIM in Cannes trifft, könnte das wieder einen Rückschlag bedeuten, abhängig von der Dauer der Auseinandersetzungen – zu einer Zeit, an der sich nach über drei Jahren Durststecke zumindest eine zarte Markterholung angedeutet hatte. Entsprechend gibt man sich beunruhigt. Denn die Folgen der Auseinandersetzung könnte auch die Baukosten wieder deutlich steigen lassen – in einem Umfeld, in dem Neuentwicklungen eher zaghaft realisiert werden. Das könnte wieder einige Projekte auf Eis legen.
Francesco Fedele, CEO der BF.direkt AG, spricht von einem akuten „Stressfaktor“ für die Branche. Mit einem Schlag seien die Risiken für gestörte Lieferketten, steigende Energiepreise und höhere Inflationsraten gestiegen. Die Immobilienwirtschaft treffe das doppelt – über höhere Zinsen und Credit-Spreads in der Finanzierung ebenso wie über steigende Bau- und Betriebskosten. Die ohnehin fragile Markterholung werde dadurch gebremst, die Selektivität nehme weiter zu. Cashflow-starke, energieeffiziente Objekte dürften vergleichsweise stabil bleiben, während capex-intensive Bestände und stark refinanzierungsabhängige Portfolios stärker unter Druck geraten könnten.
Auch Steffen Sebastian vom IREBS Institut für Immobilienwirtschaft in Regensburg sieht kurzfristig erhebliche Verunsicherung an Finanz- und Rohstoffmärkten. Entscheidend sei weniger ein unmittelbarer Konjunktureinbruch als vielmehr ein sprunghafter – möglicherweise temporärer – Anstieg von Risikoaufschlägen, Energiepreiserwartungen und Finanzierungskosten. Investoren und Projektentwickler reagierten in solchen Phasen erfahrungsgemäß zurückhaltend. Sollte der Konflikt auf wenige Wochen begrenzt bleiben, dürften die Auswirkungen vor allem temporär sein: Transaktionen würden verschoben, Projekte neu kalkuliert, aber nicht grundsätzlich aufgegeben. Stabil finanzierte, nutzungsstarke Objekte hätten gute Chancen, die Phase zu überstehen, während hoch fremdfinanzierte oder margenschwache Vorhaben anfälliger blieben.
Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) sieht in der aktuellen Lage ebenfalls erhebliche Risiken. „Die aktuellen Kampfhandlungen im Iran, von denen auch die Golf-Staaten betroffen sind, haben wirtschaftliche Auswirkungen und verschärfen die Lage“, erklärt WKÖ-Präsidentin Martha Schultz. Für die österreichische Wirtschaft seien die Entwicklungen mit großen Unsicherheiten verbunden – sowohl für Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen in der Region als auch für energieintensive Branchen im Inland.
WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger warnt vor spürbaren Folgen für Industrie und Tourismus. Eine Destabilisierung der Energiemärkte führe zu steigenden Preisen und setze energieintensive Branchen wie Stahl, Chemie oder Düngemittel massiv unter Druck. Hinzu kämen mögliche Lieferkettenunterbrechungen sowie eine gedämpfte Nachfrage nach Industriegütern. Auch die Reisebranche sei durch Ausfälle im Flugverkehr gefordert, stehe jedoch in engem Austausch mit Airlines und Behörden.






