Kommentar des Chefredakteurs: Wenn die reale politische Welt die Groteske übersteigt, hat man es als Chronist schwer. Nachfolgende Generationen werden niemals glauben, dass sich das alles, was sich vor unseren Augen abspielt, auch tatsächlich so passiert ist.
Man könnte über Geopolitik, globalen Handel, Kriege, Krisen und Inflation schreiben. Oder dass wegen dem Chaos um die Straße von Hormus alles viel teurer wird. Dass das nicht unbedingt etwas ist, was die Immobilienwirtschaft wird ankurbeln. Dass die globalen Märkte eine Volatilität erreicht haben, die kaum noch sinnvoll einzupreisen ist. Das ist nüchterne ökonomische und politische Realität. Das ist logisch erklärbar und kann mathematisch dargestellt werden. Doch wenn man sich die Faktoren ansieht, warum es zu dieser ernüchternden Bilanz kommt – und wie die Personen ticken, die den ganzen Schmafu ohne Plan und Ziel vom Zaun gebrochen haben, wird es bizarr. Geschichtsschreiber müssen jetzt schon überlegen, wie die das ganze für die nachfolgenden Generationen so verpacken und mit Quellen versehen, dass es auch geglaubt wird.
Das Weltparkett ist zu einer – teuren – Groteske geworden. Was sich vor unseren Augen abspielt, könnte man sich auch im ärgsten Fieberwahn nicht ausdenken. Zumal das, wie die handelnden Personen zu Werke gehen, jegliche Grenzen der Logik sprengt und so fernab von jedem gesunden Menschenverstand ist, dass es der Nachwelt schlicht nicht erklärbar ist. Was würden Sie sich denken, wenn Sie nach 500 Jahren ein Geschichtsbuch aufschlagen und folgende Begebenheiten lesen?
Ein Präsident einer Globalmacht postet ein Bild von sich selbst als Erlöser, während der einen Papst von A bis Z alles heißt, weil letzterer evangeliumsgetreu gegen Kriege aufruft. Auf dem Bild ist der Präsident zu sehen, mit langer weißer Robe und mit Lichthänden, mit denen er einen Sterbenden heilt, während Menschen ihn dabei anbeten. Weil sich religiöse Menschen darob verständlicherweise beleidigt fühlen, erklärt er, das Bild sollte ihn nicht als Heiland darstellen, sondern als Arzt oder Rotkreuz-Helfer – und wer etwas anderes behauptet, verbreite Fake-News. Seine religiöse Basis ist erzürnt, der Papst lächelt milde mitleidig.
Der Vize des besagten Präsidenten hingegen meint, es wäre notwendig, den Papst hinsichtlich Theologie zu belehren und meinte, der Papst solle bei theologischen Fragen „vorsichtig sein“. Das wäre so, als würde ein Tourist einem Steinmetz erklären, wie man Kathedralen baut. Oder ein Holzfäller einen Linienjet-Piloten belehren, wie man denn ein Flugzeug fliegt. Wird man damit ernstgenommen? Sicher nicht. Vielmehr macht man sich damit lächerlich. Die Reaktionen der anderen Länder sind diesbezüglich eindeutig.
Die Liste geht aber weiter: Der Kriegsminister (weil Verteidigungsminister klingt uncool) des besagten Präsidenten ruft im Kriegsministerium zum Gebet auf. Und er betet vor, einen vorgeblichen Vers aus der Bibel. Einen, den er den nicht mühselig in der Bibel gesucht hat (weil da steht er so nicht drin), sondern mit höchster Wahrscheinlichkeit so gefunden hat, indem er die KI gepromptet hat mit „Gib mir einen griffigen Bibelvers“. Den hat er bekommen. Hierauf steht der Kriegsminister andächtig da mit erbebender Stimme vor hunderten Menschen und zitiert – ein Filmzitat, konkret eines aus dem Tarantino-Streifen „Pulp Fiction“, das ein Auftragskiller aufsagt, bevor er jemanden ins Jenseits befördert.
Wie also soll man so etwas in die Geschichtsbücher so bringen, dass es auch geglaubt wird. Oder als plausibel betrachtet. In zwei oder drei Generationen werden sich die Leute fragen, Oida, was war mit denen los? Im besten Fall. Eher würden sie sich denken, das kann sich so nicht zugetragen haben. Das ist unmöglich. Das ist zu bizarr. In seinen ärgsten Acid-Trips wäre nicht einmal Timothy Leary auf diesen Plot gekommen. Bloß: Die Quellenlage ist erdrückend – und es gibt nicht nur einen Geschichtsschreiber sondern viele auf der ganzen Welt – die genau dasselbe in die Chroniken aufnehmen würden. Nämlich, dass die Transformation vom 20. zum 21. Jahrhundert nicht nur blutig war, sondern eine nie dagewesene Groteske zutage gefördert hat. Mit Staatenführern, die die Kontrolle über sich selbst verloren haben.
Mir fiele keine Epoche ein, in der ein solches Maß an Absurdität an den Tag gelegt worden wäre. Dagegen war Caligula, der sein Pferd zum Konsul ernannt hatte und, so die Geschichtsschreibung, ähnliche Wesenszüge aufwies wie der oben genannte Präsident, ein Lercherlschas. Oder Commodus, der damals das römische Reich mit herkulesähnlichen Statuen zugepflastert hatte, weil er dachte, er ist so leiwand, dass man das überall sehen muss. Die hatten zumindest kein Waffenarsenal nach heutigen Maßstäben. Aber ein Urteil der Geschichtsschreibung, wenn auch kein gutes und salbungsvolles. Diesen Platz dürften auch die oben genannten Herren zugewiesen bekommen.





