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Europas amerikanisches Zeitalter endet

von Thilo Hoffmann
22. Mai 2026
in Europa, International

Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Europa konnte sich Antimilitarismus leisten, weil Amerika militärisch dominant war. Die Frage ist nur, was passiert, wenn dieser Luxus endet. 

Europas Nachkriegsordnung beruhte auf einem einfachen Deal: Amerika garantierte Sicherheit, Europa blieb loyal – und der Wohlstand hielt alles zusammen.

Nach 1945 lag der Kontinent in Trümmern. Die USA banden Westeuropa wirtschaftlich, militärisch und politisch an die amerikanische Ordnung. Der Marshallplan war dabei nie reine Großzügigkeit. Europa sollte gleichzeitig Absatzmarkt und Bollwerk gegen die Sowjetunion sein.

Dieses Modell funktionierte erstaunlich lange. Unter amerikanischem Schutz entstand ein hochintegrierter europäischer Wirtschaftsraum. Europa investierte in Sozialstaat, Infrastruktur und wirtschaftliche Integration, während die USA den sicherheitspolitischen Rahmen garantierten. Militärische Macht blieb notwendig – aber sie wurde weitgehend ausgelagert. Der amerikanische Schutzschirm erlaubte es vielen europäischen Gesellschaften, einen beinahe folgenlosen Pazifismus zu pflegen und die Friedensdividende jahrzehntelang zu verfrühstücken.

Vielleicht war das die Besonderheit Europas: Der Kontinent entwickelte enorme wirtschaftliche Stärke, ohne sicherheitspolitisch eigenständig zu sein. Europas Moralisieren war bequem, weil amerikanische Macht es absicherte.

Heute beginnt dieses Modell zu wanken. Dabei liegt die eigentliche Veränderung weniger in russischer Stärke als in schwindender Gewissheit amerikanischer Verlässlichkeit. Russland bleibt wirtschaftlich begrenzt. Der Krieg in der Ukraine hat eher die Grenzen russischer Macht sichtbar gemacht als ihre Unaufhaltsamkeit.

Trotzdem rüstet Europa massiv auf. Nicht nur wegen Russland. Sondern weil Europas politische Eliten erstmals ernsthaft darüber nachdenken müssen, was geschieht, wenn amerikanischer Schutz nicht mehr selbstverständlich ist. Genau deshalb werden Debatten über europäische Aufrüstung, gemeinsame Verteidigungsstrukturen und strategische Autonomie plötzlich konkret.

Damit endet möglicherweise nicht die NATO – wohl aber die historische Komfortzone Europas. Machtpolitik kehrt zurück nach Europa. Die eigentliche Veränderung liegt tiefer: Europa muss Sicherheit erstmals seit Generationen wieder als eigene strategische Aufgabe begreifen.

Das wird teuer. Und es wird Europa verändern.

Denn militärische Eigenständigkeit bedeutet nicht nur mehr Panzer und höhere Verteidigungsausgaben. Sie bedeutet, dass Europa Machtpolitik nicht länger an Washington delegieren kann. Genau daran könnte Europa scheitern. Denn wirtschaftlich ist der Kontinent eng verflochten. Militärisch und geopolitisch denkt Europa bis heute weitgehend national. Vetorechte, nationale Interessen und politische Unterschiede verschwinden nicht plötzlich, nur weil Washington unberechenbarer wird.

Vielleicht entsteht deshalb am Ende keine europäische Verteidigungsunion, sondern etwas völlig anderes. Der frühere NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen denkt bereits offen über eine Art NATO 2.0 nach: neue Bündnisse demokratischer Staaten jenseits der alten Gewissheiten – Demokratien aller Länder, vereinigt euch.

Europas amerikanische Komfortzone zerfällt. Niemand weiß, was danach kommt.

Tags: EuropaGastkommentarGeopolitikInternationalThilo Hoffmann
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