Gastkommentar von Dr. Thilo Hoffmann: Trump wollte ihm erklären, wann er aufzugeben hat. Putin wollte ihm erklären, wem sein Land gehört. Selenskyj spielte nicht mit.
„Sie haben keine Karten“, erklärte Trump Selenskyj im Februar 2025 im Oval Office. Der Präsident eines überfallenen Landes hatte Unterstützung gesucht. Er bekam eine öffentliche Belehrung. Dann ließ Trump ihn hinauswerfen, vor laufenden Kameras. Selenskyj schien erledigt.
Danach wurde verhandelt, als sollte eine Immobilie den Besitzer wechseln. Witkoff und Kushner in Moskau, russische Unterhändler in Davos. Man sprach über Grenzen wie über Grundstücksgrenzen. Große Männer, große Pläne. Die Makler schienen sich einig. Der Räumungsbescheid war praktisch frankiert. Nur gehörte die Immobilie keinem der Herren.
Die Ukraine hielt sich nicht ans Exposé.
Der militärische Zusammenbruch blieb aus. Das Institute for the Study of War bilanziert seit März sogar einen russischen Nettoverlust an kontrolliertem Territorium. Russland überzieht Kiew mit entsetzlichen Angriffen. Selbst das Hauptquartier des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU wurde getroffen. Aber die Ukraine hält nicht nur stand. Sie schlägt zurück.
„Keine Karten“, sagte Trump. Zeit, sich Selenskyjs Blatt anzusehen.
Die erste Karte: Reichweite. Die Ukraine erreicht Ziele, die Russland für sicher hielt. Raffinerien, Häfen, Lager des Onlinehändlers Wildberries, Rechenzentren von Yandex, Russlands Google. Im September meldete die Ukraine einen Angriff auf eine Gasanlage in Sibirien, über 3.000 Kilometer entfernt. Auch Russlands Weiten bieten kein Versteck mehr. Das könnte auch Trumps Dieseldeal mit Putin stören. Billiger Sprit vor den Midterms wäre hochwillkommen. Selbst in republikanischen Hochburgen wird es eng. Nur muss der Diesel verladen werden, und die Häfen stehen auf der ukrainischen Zielliste. Ein Deal ist noch kein Tanker.
Die zweite Karte: Know-how. Die Ukraine besitzt Gefechtsdaten, mit denen sich militärische KI trainieren lässt. Palantir ist schon dabei, und Powerus, das Drohnenunternehmen im Umfeld von Trumps Söhnen, will ukrainische Technik nach Amerika holen. Wer wertvolles Wissen besitzt, bittet nicht mehr nur um Hilfe. Er hat etwas anzubieten.
Die dritte Karte liefert Putin selbst: Der Käufer ist klamm. Weniger Energieeinnahmen, mehr Defizit, schrumpfende Reserven, Banken unter Druck, neue Steuern. Die „Spezialoperation“ wird zur Spezialrechnung. Selbst CIA-Chef Ratcliffe soll Moskau im August geraten haben, ernsthaft zu verhandeln.
Ein Blatt ohne Schwächen ist das nicht. Die Ukraine braucht weiter amerikanische Waffen und Aufklärung, dazu viel europäisches Geld. Aber sie sitzt nicht mehr nur als Bittsteller am Tisch.
Selenskyj hat keinen Royal Flush auf der Hand. Aber er blufft auch nicht. Geblufft hat der, der behauptete, er habe keine Karten.
Die Makler hatten nur eines übersehen: Ohne den Eigentümer gibt es keinen Abschluss. Und ohne Abschluss keine Provision.






