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China: Die unterschätzte Fragilität einer Supermacht

von Thilo Hoffmann
5. Mai 2026
in Europa, Gewerbe, International
China bleibt ein zentraler Akteur der Weltordnung. Aber es ist keine unaufhaltsam aufsteigende Macht.  Es ist ein System unter Druck. Foto: pixabay.com

China bleibt ein zentraler Akteur der Weltordnung. Aber es ist keine unaufhaltsam aufsteigende Macht. Es ist ein System unter Druck. Foto: pixabay.com

Gastkommentar: China gilt als die kommende Supermacht des 21. Jahrhunderts. Wirtschaftlich dynamisch, technologisch ambitioniert, politisch durchsetzungsfähig.

Dieses Bild ist tief verankert – in politischen Debatten ebenso wie in den Märkten. Doch es greift zu kurz. China ist stark. Aber es ist zugleich fragiler, als es nach außen erscheint. Das zeigt sich zunächst an der wirtschaftlichen Entwicklung. Über Jahrzehnte wuchs China mit zweistelligen Raten. Heute sind es rund 5 Prozent – mit sinkender Tendenz. Für entwickelte Volkswirtschaften wäre das solide. Für China ist es ein Bruch. Das bisherige Modell – kreditgetriebenes Wachstum, Exportdynamik, Immobilienboom – trägt nicht mehr.

Dieses Modell war lange erfolgreich. Politische Kontrolle ermöglichte schnelle Entscheidungen, strategische Kontinuität und konsequente Umsetzung. Genau das hat den Aufstieg getragen. Doch dieser Vorteil kehrt sich zunehmend um. Der Exportmotor stottert. Die Immobilienkrise belastet Vermögen und Vertrauen. Lokale Regierungen sind hoch verschuldet. Die Demografie kippt. Wachstum entsteht zunehmend durch staatliche Impulse – nicht mehr aus eigener Dynamik.

Die Abschwächung schlägt auf die Gesellschaft durch. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Viele junge Menschen ziehen sich zurück, verweigern sich dem Leistungsdruck. Die Aufstiegserzählung, die das System jahrzehntelang stabilisiert hat, verliert an Glaubwürdigkeit. Die Stimmung ist verhalten. Vorsichtig. Abwartend. In Teilen erinnert sie an die späte Phase von Maos Amtszeit in den 1970er Jahren: wenig Bewegung, wenig Risiko, viel Unsicherheit darüber, wohin sich das System entwickelt.

Hinzu kommt ein politisches Risiko. Macht ist in China stark personalisiert. Xi Jinping steht für Stabilität – aber vor allem für Kontrolle. Die Kommunistische Partei wirkt nach außen geschlossen, ist intern jedoch nicht frei von Spannungen. Xi hat Macht konzentriert, Rivalen ausgeschaltet und Institutionen geschwächt. Die Armee hat er auf persönliche Loyalität ausgerichtet – jüngste personelle Eingriffe an der Spitze zeigen, wie sensibel dieses Machtgefüge ist. Das schafft Kontrolle – aber auch Abhängigkeit.

Xi ist über 70 und strebt 2027 eine weitere Amtszeit an. In Systemen ohne klar geregelte Nachfolge ist genau das ein kritischer Moment. Die Zukunft wird zur offenen Frage. Das lähmt. Vor diesem Hintergrund gewinnt Außenpolitik eine andere Funktion. Sie ist nicht nur geopolitisch – sondern auch innenpolitisch. Sie kann zum Ventil werden. Ein externer Konflikt kann Spannungen überdecken, Loyalität erzwingen, Macht sichern. Das macht die Lage gefährlich.

Das zeigt sich im Umgang mit Taiwan. China erhebt seit Jahrzehnten Anspruch auf die Insel und droht regelmäßig mit einer „Wiedervereinigung“ – notfalls militärisch. Für die Führung in Peking ist Taiwan mehr als ein außenpolitisches Ziel. Es ist eine Frage von Legitimität, Geschichte und Macht. Gleichzeitig gibt sich China nach außen moderat. Auf internationalen Foren – etwa beim World Economic Forum – präsentiert sich die Führung als Verteidiger von Freihandel, Stabilität und Kooperation. Im Vergleich zu westlichen Konflikten wirkt das fast beruhigend.

Doch dieser Eindruck täuscht. China ist kein liberales System. Der Staat kontrolliert Wirtschaft, Medien und Gesellschaft. Digitale Überwachung ist flächendeckend. Politische Abweichung wird sanktioniert. Außenpolitisch agiert das Land zunehmend selbstbewusst – und konfrontativ, wenn es seine Interessen bedroht sieht.

Ein Konflikt um Taiwan wäre ein globaler Schock – wirtschaftlich gravierender als aktuelle Konflikte. Europa wäre unmittelbar betroffen. Lieferketten würden reißen. Halbleiter, Vorprodukte, strategische Rohstoffe – vieles davon hängt direkt oder indirekt an China und Taiwan. Die Abhängigkeit ist real. Aber sie ist nicht einseitig. Auch China ist auf externe Märkte angewiesen. Auf Technologie, Kapital und Nachfrage aus dem Westen. Sanktionen im Konfliktfall würden die chinesische Wirtschaft hart treffen – zu einem Zeitpunkt, in dem sie ohnehin unter Druck steht.

Die gegenseitige Verwundbarkeit ist hoch. Das macht eine Eskalation weniger wahrscheinlich – aber nicht ausgeschlossen. Denn wirtschaftliche Rationalität ist nicht immer das entscheidende Kriterium politischer Entscheidungen. Gerade unter innenpolitischem Druck verschieben sich Prioritäten.

China bleibt ein zentraler Akteur der Weltordnung. Aber es ist keine unaufhaltsam aufsteigende Macht.

Es ist ein System unter Druck.

Und genau darauf ist Europa nicht vorbereitet.

Tags: ChinaEUGastkommentarThilo Hoffmann
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