Gastkommentar von Dominik Zöhrer, Finanzmarktexperte:
„Rien ne va plus“, sagt der Croupier, wenn die Kugel längst rollt und niemand mehr setzen darf. Für Frankreich scheint dieser Moment nun gekommen.
Am 2. Oktober lag die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen bei 4,90 % und damit 147 Basispunkte über der deutschen, während Griechenland rund 109 Basispunkte zahlte. Die CDS-Prämie, die Versicherung gegen einen Ausfall Frankreichs, schoss in einer Woche von 52 auf 80 Basispunkte.
Der Auslöser kam aus Paris. Am 1. Oktober legte die Minderheitsregierung einen Sparhaushalt über 54 Mrd. Euro vor. Seit der Ankündigung am 17. September stieg der Renditeaufschlag Frankreichs zur deutschen Bundesanleihe von 95 auf 147 Basispunkte, während deren Rendite sogar sank. Das Urteil des Marktes ist eindeutig. Er glaubt aktuell nicht, dass Frankreich das stemmen kann. Ohne Schuldenschnitt führen nur drei Wege aus dieser Lage, Herauswachsen, Heraussparen und Weginflationieren. Zwei sind versperrt, der dritte enteignet die Sparer und sprengt den sozialen Frieden.
Herauswachsen geht nicht, vor allem nicht bei Stagnation. 2027 muss Paris Anleihen über 340 Mrd. Euro begeben. Bis Februar werden zwei Anleihen über 72,3 Mrd. Euro fällig, begeben mit 0 % und 0,25 % Kupon. Zum aktuellen Schnitt von 3,55 % ersetzt, steigt die Zinslast allein dieser beiden Anleihen schlagartig auf das 28-Fache, von 91 Mio. auf 2,57 Mrd. Euro.
Heraussparen geht auch nicht. Selbst mit dem Sparpaket bleibt Frankreich 2027 schon vor Zinsen im Minus, und die Schuldenquote steigt auf 121,7 %. Schon jetzt eskalieren Schülerproteste gegen Lehrermangel, mit über 6.500 Festnahmen in zehn Tagen. Mehr ist politisch also nicht drin.
Bleibt das Weginflationieren durch die EZB. Ihr Notprogramm TPI erlaubt unbegrenzte Anleihekäufe, verlangt jedoch solide Staatsfinanzen. Setzt die EZB es für Paris dennoch ein, bricht sie ihre eigenen Regeln. Das wäre faktisch Staatsfinanzierung und öffnet die Büchse der Pandora. Der Euro verliert Vertrauen, und ein schwacher Euro treibt die Inflation von bereits 3,8 % über teurere Importe weiter an. Bei andauernden Protesten im Land ist das sozial nicht durchsetzbar.
Zusätzlich droht die Ansteckung. Als letzte Rettung bliebe der ESM, doch der hat nur rund 430 Mrd. Euro frei, und knapp 20 % seines Kapitals trägt Frankreich selbst. Fällt der zweitgrößte Bürge aus, steigt automatisch die Last der anderen. Wer bürgt dann für den Bürgen?
Auf billiges Geld sollte daher niemand hoffen. Die EZB hat die Zinsen heuer zweimal erhöht, und die Flucht in Bundesanleihen drückt die langen Zinsen nur so lange, bis Deutschland für Paris haften muss.
Seien wir ehrlich. Zurückzahlen wird diese Schulden niemand. Gäbe es eine echte Lösung, läge sie schon längst auf dem Tisch. Rien ne va plus – nichts geht mehr!






